Umfrage Mehrheit der Deutschen will nationale Grenzen zurück

Auch viele Franzosen und Italiener sprechen sich für eine Abkehr vom Schengen-System aus, wie eine Studie zeigt. In der Bundesrepublik bröckelt zudem die "Willkommenskultur".

Von Christian Wernicke, Paris

Die Deutschen verlieren ihren Glauben an das grenzenlose Europa: Zwei von drei Bundesbürgern (66 Prozent) sagen, die Bundesregierung solle die europäischen Verträge von Schengen aufkündigen, die Schlagbäume senken und zu nationalen Grenzkontrollen zurückkehren. Mit ihrer Skepsis sind die Deutschen nicht allein. Auch eine Mehrheit der Franzosen (72 Prozent) und Italiener (60 Prozent) traut den europäischen Grenzschützern wenig zu - und möchte zurück zu nationalen Grenzen und Grenzern.

Das ist das Ergebnis einer tri-nationalen Untersuchung des renommierten Ifop-Instituts in Paris. Die französischen Demoskopen haben - nach einer ähnlichen Studie in sieben EU-Staaten im Herbst - im März erneut erfragt, wie der massive Zustrom von Flüchtlingen die politische Stimmung der Deutschen, Franzosen und Italiener beeinflusst. In Auftrag gegeben hatten die Studie die "Fondation Jean-Jaurès", eine Stiftung, die Frankreichs regierenden Sozialisten nahesteht, sowie die "Europäische Stiftung für progressive Studien" mit Sitz in Brüssel.

Die Flüchtlingskrise sowie die blutigen Terroranschläge von Paris und Brüssel hätten die Bürger-Zweifel am kontrollfreien Schengen-Europa genährt, meint Ifop-Forscher Jérôme Fourquet. "Beide Entwicklungen schüren das Gefühl, die Dinge seien außer Kontrolle geraten", erklärt der Direktor für Meinungsforschung des Instituts im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Zudem folge die Meinung schlicht der Wirklichkeit: "Früher hieß es immer, ein Aus für Schengen bedeutet den Anfang vom Ende der gesamten EU", sagt Fourquet. Seit Herbst sei die grenzenlose Reisefreiheit zwar de facto von allen EU-Regierungen abgeschafft worden - "aber Europa zerfällt nicht!"

Immer noch sehen es 72 Prozent der Bundesbürger als ihre Pflicht an, Verfolgte aufzunehmen

Die Ifop-Studie zeigt eindeutig, wie die deutsche "Willkommenskultur" bröckelt. Mehr und mehr Deutsche haben den Eindruck, das Boot der Bundesrepublik sei voll: 47 Prozent der Befragten stimmen inzwischen dem Satz zu, man habe "bereits viele Ausländer" im Land, weshalb es "nicht möglich" sei, noch zusätzliche Einwanderer aufzunehmen. Im September vorigen Jahres wollte das nur jeder dritte Deutsche so sagen (33 Prozent). Allerdings hatte sich dieser Stimmungswandel bereits im Herbst abgezeichnet: Bei einer nur in Deutschland getätigten Nachfrage hatten im Oktober 2015 immerhin 44 Prozent - also fast jeder Zweite - den Eindruck, mehr Migranten könne man nicht verkraften.

Ifop-Direktor Fourquet deutet diesen Trend als "eine gewisse Verhärtung" der deutschen Haltung. Zugleich betont der Franzose jedoch, im Vergleich zu seinen Landsleuten und auch zu den Italienern blieben die Bundesbürger sehr viel offener: Fast zwei Drittel aller Franzosen und Italiener wähnen ihr Boot voll - und zwar schon seit Beginn der Flüchtlingswelle.

Es sind vor allem SPD-Wähler und Anhänger der Grünen, bei denen die Stimmung umgeschlagen ist. Linksliberale Bürger bekundeten im Herbst besondere Willkommens-Euphorie. Zwar sagen auch jetzt nur 37 Prozent aller SPD-Anhänger und nur 27 Prozent aller Grünen, mehr Migranten könne man nicht verkraften. Aber mit plus 18 (SPD) und plus 20 (Grüne) Prozentpunkten haben sich seit September ihre Zweifel verdoppelt beziehungsweise sogar vervierfacht. Hingegen stieg die Skepsis unter CDU-Wählern kaum (36 Prozent im Herbst, 37 Prozent jetzt).

Wenig überraschend ist, dass 86 Prozent aller befragten AfD-Sympathisanten glauben, man könne keine Fremden mehr aufnehmen. Die Deutschen insgesamt zeigen sich zwar nach wie vor zu 72 Prozent (September: 79 Prozent) überzeugt, es sei schlicht und einfach "die Pflicht unseres Landes", verfolgte oder notleidende Zuwanderer aufzunehmen. Aber diese Ansicht mag nur jeder dritte AfD-Wähler (32 Prozent) teilen. Nur 56 Prozent aller Franzosen, aber 69 Prozent aller Italiener bekunden ein "Pflicht"-Gefühl zur Aufnahme gestrandeter Migranten.

Ein wesentlicher Grund, warum sich die Deutschen selbst nach der Aufnahme von mehr als einer Million Menschen im Jahr 2015 noch immer mehr zutrauen als Franzosen und Italiener, ist ihr unerschütterliches Vertrauen in die eigene Wirtschaftskraft. Drei Fünftel aller Bundesbürger (61 Prozent) stimmen dem Satz zu, ihr Land habe "die wirtschaftlichen und finanziellen Mittel, um Migranten aufzunehmen". Das ist zwar weniger als im September 2015 (69 Prozent) - aber mehr als im Oktober vorigen Jahres (59 Prozent). Die Parole der Kanzlerin lebt also fort: "Wir schaffen das!" Weitaus pessimistischer beurteilen Franzosen und Italiener ihre Belastungsfähigkeit: Nur etwa jeder vierte Franzose (28 Prozent) und Italiener (24 Prozent) glaubt, sein Land sei wirtschaftlich stark genug, um noch mehr Fremde zu beherbergen.

Doch auch die Deutschen sind vorsichtiger geworden. Und ängstlicher: Dass sich mit den vielen Flüchtlingen aus dem Irak und aus Syrien auch potenzielle IS-Terroristen auf den Weg nach Westeuropa machen, glauben mittlerweile 79 Prozent. Im September und Oktober, also noch vor den Anschlägen von Paris, wollten dies nur 64 bzw. 68 Prozent der Befragten unterstellen. Der 13. November und sechs Wochen später die Silvesternacht von Köln, so glaubt Jérôme Fourquet, habe die Deutschen ihren Nachbarn näher gebracht. Die massive Furcht, per Zuwanderung als "trojanische Pferde" (Fourquet) auch Terroristen zu importieren, hatten Franzosen und Italiener bereits im Herbst gehegt. Der Schrecken habe die Deutschen ein Stück weit "normaler" und "europäischer" gemacht.