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Umbruch in Ägypten:Militärchef al-Sisi als künftiger Präsident im Gespräch

Er ist der neue starke Mann an Ägyptens Spitze: Militärchef al-Sisi könnte bei der kommenden Wahl für das Amt des Präsidenten kandidieren. Die Unterstützung für al-Sisi wächst, obwohl er selbst sich bisher zurückhaltend äußerte.

Abdel Fattah al-Sisi, Ägyptens Militärchef, ist ein gewiefter Machttaktiker. Er war derjenige, der Anfang Juli an führender Stelle verantwortlich war für den Putsch gegen den früheren Präsidenten Mohammed Mursi. Während der vergangenen Wochen ist das Militär immer wieder rabiat gegen die Muslimbrüder vorgegangen, aus deren Mitte auch Mursi stammt. Al-Sisi erreichte dabei, dass sich zumindest ein großer Teil des Volkes mit der Armee solidarisiert.

Vor allem aber nimmt er eine wichtige Stellung ein im Übergangsprozess in Ägypten, an dessen Ende Neuwahlen und eine überarbeitete Verfassung stehen sollen. Jetzt wächst in Ägypten die Unterstützung für eine mögliche Kandidatur al-Sisis für die Präsidentenwahl, die voraussichtlich Anfang 2014 abgehalten werden soll.

Ahmed Schafik, der letzte Regierungschef unter dem bereits 2011 gestürzten Machthaber Hosni Mubarak, stellte sich in einem Fernsehinterview demonstrativ hinter den neuen starken Mann des Landes. Al-Sisi werden gute Chancen für einen Wahlsieg eingeräumt, sollte er antreten.

Er war unter Mubarak Chef des Militärgeheimdienstes. Bislang hat noch niemand offiziell seine Kandidatur für die Wahl erklärt. Beobachter gehen davon aus, dass die Politiker erst eine eindeutige Stellungnahme al-Sisis abwarten. Dieser hatte gesagt, er strebe keine Herrschaft an.

Der frühere Luftwaffenkommandeur Schafik sagte in einem Interview des Fernsehsenders Dream 2, er selbst werde bei der Wahl nur kandidieren, wenn es al-Sisi nicht tun sollte. "Wir würden ihn alle unterstützen, und ich bin der erste, der ihn unterstützt", sagte Schafik, der bei der Präsidentenwahl im vergangenen Jahr auf Platz zwei hinter Mursi landete.

Der frühere Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, sagte, al-Sisi werde einen klaren Wahlsieg erringen, sollte er antreten. Die Ägypter hätten "Angst vor Anarchie und Terrorismus", sagte Mussa. Das Volk wolle einen entschlossenen Anführer. Mussa war am Wochenende zum Vorsitzenden des Verfassungsausschusses gewählt worden, der den Weg für die kommende Präsidentenwahl ebnen soll.

Muslimbrüder nehmen an Sitzung des Verfassungskomitees teil

Die Muslimbruderschaft, die Mursi stützt, wirft al-Sisi vor, Vertreter des Mubarak-Apparats wieder an die Macht bringen zu wollen. Nahrung bekommt solche Kritik unter anderem durch einen ersten Entwurf für eine neue Verfassung, der kürzlich an die Öffentlichkeit kam. Dieser sieht vor allem die Streichung der von Mursi hinzugefügten Zusätze vor, die als zu islamistisch kritisiert werden. Außerdem sollen Passagen gestrichen werden, die eine rasche Rückkehr von ehemaligen Mitgliedern der Mubarak-Regierung in öffentliche Ämter verhindern. Zudem soll das Wahlsystem wieder eingeführt werden, das mit zu Mubaraks Machterhalt über drei Jahrzehnte hinweg beitrug.

Die Muslimbrüder wollen allerdings offenbar doch wieder am politischen Prozess in Ägypten teilnehmen. Ausschlaggebend war vermutlich die Tatsache, dass die ersten Punkte des von der Armee angekündigten Fahrplans für die Übergangszeit nun tatsächlich umgesetzt werden. Als am heutigen Montag das neue Verfassungskomitee zu seiner zweiten Sitzung zusammenkam, nahmen an der Sitzung auch die islamistischen Mitglieder des Komitees teil: der stellvertretende Vorsitzende der salafistischen Partei des Lichts, Bassam al-Sarka, und der Ex-Muslimbruder Kamal al-Helbawi.

Ein führendes Mitglied der von den Muslimbrüdern gegründeten Partei für Freiheit und Gerechtigkeit hatte vor einigen Tagen Selbstkritik geübt. Er räumte Fehler der gestürzten Islamisten-Regierung ein und stellte Bedingungen für eine Rückkehr zum politischen Prozess. Andere Mitglieder der Bruderschaft betonten später, über diese Position herrsche kein Konsens in der Bewegung.

Zahl der koptischen Christen in Deutschland steigt

Einem Bericht der Bild-Zeitung zufolge steigt die Zahl koptischer Christen aus Ägypten, die Schutz in Deutschland suchen. Demnach seien seit dem 1. Mai insgesamt 564 ägyptische Staatsbürger mit Lufthansa-Flügen nach Deutschland geflohen. Es handelt sich dabei vorwiegend um Mitglieder der koptischen Kirche. Während der gewaltsamen Unruhen der vergangenen Monate wurden Kopten immer wieder Opfer von Angriffen. Das Bundespolizeipräsidium in Potsdam bestätigte der Zeitung, dass "der Flüchtlingsanteil der Ägypter, die nach eigenen Angaben Christen sind, seit Juni kontinuierlich steigt". Allein im August lag ihr Anteil bei etwa 90 Prozent.

Etwa zehn Prozent der 80 Millionen Einwohner Ägyptens sind Christen. Die meisten davon gehören der koptisch-orthodoxen Kirche an, die bereits seit dem ersten Jahrhundert nach Christus existiert und damit zu den weltweit ältesten Kirchen gehört.