Deutschlands dienstältester Bürgermeister geht "Ich werde alles vermissen"

Ulrich Künz, der dienstälteste Bürgermeister Deutschlands, verlässt nach 42 Jahren seinen Schreibtisch in Kirtorf.

(Foto: Juri Auel)

Ulrich Künz war 42 Jahre lang hauptamtlicher Bürgermeister der hessischen Stadt Kirtorf. Ein Gespräch über Netzwerke, Jahreshauptversammlungen der Feuerwehr - und den Fluch und Segen der Europäischen Union.

Interview von Juri Auel, Kirtorf

Ulrich Künz bekommt diese Tage oft Besuch von der Presse. Jeder möchte mit dem Mann sprechen, der mit 42 Jahren so lange hauptamtlicher Bürgermeister in Deutschland war, wie aktuell niemand anderes. Achtmal wurde der CDU-Politiker gewählt, nur am Anfang hatte er einen Gegenkandidaten.

Vor wenigen Wochen standen die Journalisten schon einmal Schlange in Kirtorf, diesem Fachwerk-Städtchen mit 3200 Einwohnern im hessischen Vogelsbergkreis. Künz musste erklären, warum die Stadt, die vor etwa 15 Jahren als Nazi-Hochburg galt, plötzlich wieder mit rechten Vorfällen Schlagzeilen machte. Ein Landwirt, der damals seinen Hof für Neonazi-Konzerte zur Verfügung stellte, veranstaltete eine rechte Sonnenwendfeier. Und die Spuren des hessischen Polizeiskandals, in dem gegen mehrere Polizisten wegen rechter Umtriebe ermittelt wird, führen zum Teil auch nach Kirtorf.

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Im Interview erklärt der 68-jährige Künz, was die jüngsten Ereignisse mit ihm persönlich gemacht haben - und warum er es bislang nie für nötig hielt, sein Amt aufzugeben. Heute wird er offiziell verabschiedet.

SZ: Herr Künz, wie schafft man es, 42 Jahre lang Bürgermeister zu bleiben?

Künz: Was mich so eine lange Zeit in meiner Position gehalten hat, ist vor allen Dingen der Antrieb, etwas für die Gemeinde zu bewegen. Dabei ist es wichtig, nah am Menschen dran zu sein. Man darf sich nicht irgendeiner Partei verpflichtet fühlen. Der Blick auf die Partei kann helfen, muss aber absolut in den Hintergrund treten. Denn man ist von den Bürgerinnen und Bürgern direkt gewählt, denen gegenüber man verantwortlich ist. Sie muss man in alle seine Belange mit einbeziehen. Politik gegen die Bürger machen geht nicht.

Die Kanzlerin hat einmal gesagt, Demokratie lebt vom Wechsel. Hatten Sie nicht irgendwann mal das Gefühl, dass es Zeit für einen anderen wäre, das Ruder zu übernehmen?

Nein. Ich habe durch meine Kinder immer im Blick gehabt, wie man junge Menschen mit einbinden kann. Dadurch bin ich im Kopf jung geblieben, war für Neuerungen offen. Ich habe nie den Anstoß von außen gebraucht, mich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Also fühlte ich mich auch nie, als ob ich einem Jüngeren Platz machen müsste.

Hatten Sie mit Widerstand der Altgedienten zu kämpfen, als sie 1977 gewählt wurden? Sie waren damals grade mal 26, der jüngste Bürgermeister Hessens.

Die Bedenken kamen eher von mir selbst. Ich hatte Zweifel, ob es in dieser konservativen Gegend gelingen würden, Alt und Jung zusammenbringen. Was die übrigen Entscheidungsträger angeht, fühlte ich mich vom ersten Tag an akzeptiert - genau wie von der Bevölkerung.

Und was halten Sie heute von den Jungen?

Die jungen Kollegen müssen in der Amtsführung andere Schwerpunkte setzten. Das hat mit dem gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf die Familie zu tun. Für mich galt immer an erster Stelle, mein Amt ordentlich auszuführen und viel Zeit für diese Tätigkeit zu opfern. Da ist die Familie oft zu kurz gekommen. Das ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Politiker Land auf Land ab beklagen, dass sich der politische Diskurs verändert hat. Sind die Menschen wirklich roher geworden oder bekommen Politiker den Unmut der Leute heute nur direkter mit?

Ich habe in 42 Jahren zwei Leserbriefe kassiert, die mich in meiner Person angegriffen haben. Als die Fusion mit unserer Nachbargemeinde Antrifttal platzte, gab es viele Kommentare in den Sozialen Medien, die ich so noch nicht erlebt hatte. Der Austausch verschiedener Meinungen gehört zum demokratischen Prozess. Aber persönliche Angriffe, das geht nicht. Und dann auch noch anonym. Ich finde, das ist keine sachliche Form, sich auseinanderzusetzen.

Das Rathaus in Kirtorf

(Foto: Juri Auel)

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Kirtorf nach so langer Zeit wieder mit rechten Vorfällen Schlagzeilen machte?

Das hat mich schon berührt. Und zwar deshalb, weil ich als Bürgermeister immer einer war und bleiben werde, der deutlich macht, dass die Demokratie die beste Staatsform ist, die wir Gott sei Dank seit einigen Jahrzenten in Deutschland erleben dürfen. Deshalb ist unsere Verpflichtung, all den Anfängen zu wehren, die in eine andere Richtung laufen.

Dennoch gehen die Aktivitäten weiter, im April soll der bekannte Landwirt wieder etwas planen. Kirtorf nicht völlig vom Ruf des braunen Nests gesäubert zu haben: Ist das Ihr größter politischer Misserfolg?

Ich würde es anders formulieren: Es ist für mich eine meiner größten persönlichen Enttäuschungen, dass es in der heutigen Zeit in Kirtorf noch solche Tendenzen gibt, die aus meiner Sicht absolut nicht toleriert werden können. Obwohl wir damals das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus gegründet haben, was durchaus Erfolge hatte.

Sie haben vier Kanzler und fünf hessische Ministerpräsidenten miterlebt. Ist es für die Arbeit eines Bürgermeisters von Belang, wer in Wiesbaden, Berlin - oder damals noch Bonn - das Sagen hat?

Netzwerke sind wichtig in der Politik. Wichtig ist auch, wer in der politischen Verantwortung ist. Eines habe ich in den Jahren aber auch gelernt: Wenn Sie überzeugend mit den Behörden und Regierenden sprechen, dann glaube ich spielt es absolut überhaupt keine Rolle, welcher parteipolitischen Richtung Sie angehören.

Die EU ist im Laufe Ihrer Amtszeit immer wichtiger geworden. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Die EU stellt auf der einen Seite viele Fördergelder zur Verfügung, davon profitieren unsere Landwirte, Projekte wie die Dorferneuung werden möglich. Auf der anderen Seite haben staatliche Reglementierungen auch wegen der EU massiv zugenommen. Es gibt kaum noch Ermessensspielräume, um Gesetze auszulegen. Dabei braucht es diese Freiräume, um mit einem gewissen Pragmatismus Probleme lösen zu können. Das ging früher einfacher, da habe ich mit meiner Verwaltung solche Freiräume oft genutzt.

42 Jahre Bürgermeister sein heißt auch 42 Jahre Jahreshauptversammlungen der Feuerwehr, bleierne Debatten in der Stadtverordnetenversammlung und Eröffnungen von Weihnachtsmärkten. Was davon werden Sie am wenigsten vermissen?

Ich werde alles vermissen. Ich habe diesen Job aus Leidenschaft und gerne gemacht. Ich war gerne unter und nahe an den Menschen, das war mein beruflicher Lebensinhalt. Die Feuerwehr ist eine der wichtigsten Einrichtungen, die wir haben. Dennoch ist man ab und zu froh, wenn eine Veranstaltung rum ist und man die Beine hochlegen kann.

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