Krieg in der Ukraine:Russische Armee bleibt in der Defensive

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Krieg in der Ukraine: Wolodimir Selenskij ist kurz nach dem Rückzug russischer Truppen nach Isjum im befreiten Teil der Ostukraine gereist.

Wolodimir Selenskij ist kurz nach dem Rückzug russischer Truppen nach Isjum im befreiten Teil der Ostukraine gereist.

(Foto: Leo Correa/dpa)

Die Ukraine will zurückeroberte Gebiete sichern. Militärexperte hält Ende des Krieges noch in diesem Jahr für möglich.

Von Nicolas Freund

Die Befreiung großer Gebiete im Osten der Ukraine hat die Dynamik des Krieges stark verändert. Die russische Armee ist zumindest vorläufig in die Defensive gedrängt und muss weitere Geländeverluste fürchten. Die USA kündigten auch wegen dieser Erfolge neue Militärhilfen für die Ukraine an, wie John Kirby, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, am Dienstag (Ortszeit) in Washington sagte. Man habe in dem Krieg eine "Verschiebung" festgestellt. US-Präsident Joe Biden zeigte sich etwas zurückhaltender. "Es ist klar, dass die Ukrainer bedeutende Fortschritte gemacht haben. Aber ich denke, es wird noch ein langer Weg sein", sagte er.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij hat am Mittwoch überraschend die zurückeroberte Stadt Isjum im Donbass besucht. Bilder zeigten ihn mit ukrainischen Soldaten und beim Hissen der Nationalflagge. Er sagte, in etwa der Hälfte des seit dem Wochenende zurückeroberten Gebiets seien "Stabilisierungsmaßnahmen" abgeschlossen worden. Die ukrainische Armee sucht derzeit in den Regionen nach versprengten russischen Soldaten, um die Gebiete nach eigenen Angaben wieder sicher zu machen.

Der Militärexperte Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, sagte im Gespräch mit der SZ, wenn die russische Armee sich nicht mehr richtig formieren könne und die Front im Süden zusammenbricht, bestünde sogar die Möglichkeit, dass der Krieg noch in diesem Jahr endet. Die russischen Kriegsziele seien derzeit kaum mehr realisierbar. "Nördlich von Luhansk gibt es keine gute russische Verteidigungslinie mehr. Die ukrainische Armee hat dort schon alle größeren Hindernisse wie Flüsse überwunden. Damit ist das Ziel Russlands, bis Ende des Jahres den gesamten Donbass einzunehmen, total unrealistisch geworden", erklärt Masala. Auch im Süden bei der Großstadt Cherson sei die Lage für die russischen Streitkräfte schwierig: "Einige kleinere Einheiten verhandeln wohl schon die Kapitulation. Wenn diese Front zusammenbricht, dann sieht es echt übel für die Russen aus."

Als Grund für den schnellen Zusammenbruch der russischen Linien nennt Masala unter anderem die Schwierigkeiten der russischen Armee, sich schnell auf neue Gefechtssituationen einzustellen. Aber auch die Waffenlieferungen aus dem Westen, die es der ukrainischen Armee ermöglichen, die russische Logistik massiv zu behindern und Munitionsdepots zu zerstören.

Wieder klar geworden ist in den letzten Tagen, dass die Folgen der russischen Besatzung noch lange aufgearbeitet werden müssen. Nach ukrainischen Angaben sind in den befreiten Gebieten neue Hinweise auf Kriegsverbrechen der russischen Besatzer gefunden worden. So soll im Keller des Polizeigebäudes in der befreiten Stadt Balaklija eine Art Foltergefängnis gefunden worden sein, und es gibt Berichte von Leichen, die Folterspuren aufweisen sollen. In Vororten Kiews waren im Frühjahr nach dem Abzug der russischen Armee ähnliche Funde gemacht worden. Moskau stritt damals jede Verantwortung ab und behauptete, es handle sich um eine Inszenierung der Ukraine.

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