Viele Morde in der Ukraine bleiben unaufgeklärt, und der Tod des Journalisten Pawel Scheremet schien lange keine Ausnahme zu machen. Der aus Belarus stammende Journalist, seit Jahrzehnten mit kritischen Berichten über das Regime von Diktator Alexander Lukaschenko hervorgetreten, wurde am 20. Juli 2016 mit einer ferngezündeten Autobombe in Kiew ermordet. Neue Informationen legen nahe, dass Lukaschenko entgegen vorherigen Dementis den Mord an Scheremet befohlen haben könnte - ebenso wie andere Morde an seinen Gegnern. Auch ukrainische Behörden stehen im Zwielicht.
Fernsehjournalist und Buchautor Scheremet war schon 1997 von Lukaschenko für Monate ins Gefängnis geworfen worden, weil er mit seinem damaligen Kameramann Dmitrij Sawadskij über Schmuggel an der belarussisch-litauischen Grenze berichtet hatte. Sawadskij wurde später entführt und mutmaßlich ermordet. Von 2000 bis 2002 produzierte Scheremet Fernsehdokumentionen über politische Morde durch das Lukaschenko-Regime. 2003 veröffentlichte er das Lukaschenko-kritische Buch "Ein zufälliger Präsident". 2006 schrieb Scheremet zusammen mit Oleg Alkajew, dem nach Berlin geflohenen Ex-Chefhenker Lukaschenkos, das Buch "Todesschwadron" über Morde an Lukaschenko-Gegnern durch Spezialeinheiten von Polizei und KGB.
Auch Igor Makar, zuvor in Minsk hochrangiger Offizier, floh in den Westen - und veröffentlichte am 4. Januar einen Mitschnitt, der ein Gespräch des damaligen belarussischen KGB-Chefs Wadim Saizew mit anderen Offizieren am 11. April 2012 wiedergeben soll. Der als Saizew identifizierte Offizier diskutiert darin geplante Morde an drei nach Deutschland geflohenen Ex-Offiziellen - einschließlich Alkajew und Scheremet. "Wir sollten uns um Scheremet kümmern, der uns auf den Sack geht. Wir legen eine Bombe und so weiter, damit man von dieser miesen Ratte nicht einmal mehr Hände und Beine einsammeln kann." Präsident Lukaschenko habe 1,5 Millionen Dollar zur Finanzierung der Morde auf ein Spezialkonto überwiesen und solle jetzt "ein Resultat sehen".
Der Offizier sprach indes auch über die Schwierigkeit, die Morde so zu organisieren, dass "niemand an den KGB auch nur denkt". Die Mordpläne in Deutschland kamen nicht zur Ausführung, Alkajew und andere geflohene Ex-Offizielle leben noch. In Belarus selbst erging es Lukaschenko-Gegnern schlechter: Im Dezember 2019 beschrieb der ebenfalls nach Deutschland geflohene Ex-Kommandooffizier Jurij Garawskij der Deutschen Welle Morde an Ex-Wahlkommissionschef Wiktor Gontschar und Ex-Innenminister Jurij Sacharenko.
Als Pawel Scheremet 2016 ermordet wurde, soll er seinem Mitautor Alkajew zufolge die Veröffentlichung eines neuen Buches über das Lukaschenko-Regime vorbereitet haben. Dreieinhalb Jahre nach dem Mord in Kiew verhafteten die ukrainischen Behörden im Dezember 2019 drei angeblich Beteiligte. Erst behauptete die Polizei, die drei Verhafteten hätten Scheremet ermordet, um Proteste in der Ukraine zu provozieren, dann, dass sie Ultranationalisten und Rassisten seien und mit dem Mord die politische Situation hätten destabilisieren wollen. Begründungen oder Belege blieb die Polizei indes schuldig.
Stattdessen kamen andere beunruhigende Details über eine mögliche ukrainische Beteiligung am Scheremet-Mord ans Licht. Aktive und ehemalige Geheimdienstler in der Ex-Sowjetunion sind einander oft aus früheren Zeiten verbunden. Am Abend vor seiner Ermordung wurde Scheremet vom ehemaligen belarussischen Militärgeheimdienstler Sergej Korotkich besucht, der in der Ukraine heute zum Asow-Batallion gehört. Das von Ultranationalisten und Neonazis durchsetzte Bataillon, entstanden im Krieg gegen Russland in der Ostukraine, untersteht Innenminister Arsen Awakow. Korotkich ist der Kyiv Post zufolge ein persönlicher Freund von Awakow-Sohn Oleksandr - und soll sich einem Ex-Asow-Führer zufolge mit Scheremet zerstritten haben. Korotkich bestreitet jede Beteiligung am Scheremet-Mord.
Auch der ukrainische Geheimdienst SBU könnte involviert sein. Die Infodienste OCCRP und Slidstvo berichteten im Mai 2017 über die Asow-Verbindung und über den- früheren oder aktiven - SBU-Offizier Ihor Ustimenko, der vor dem Mord an Scheremet an der Mordstelle identifiziert wurde. Videoaufnahmen von vier Videokameras nahe der Mordstelle wurden vom SBU und Innenministerium beschlagnahmt - und sind verschwunden, soll Innenminister Awakow der Kyiv Post zufolge behauptet haben. Weder die Rolle Ustimenkos noch die von Korotkich wurde von den Behörden bisher zufriedenstellend erklärt.
