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Ukraine:Russischer Ex-Abgeordneter im Exil in Kiew erschossen

Denis Woronenkow

Der ehemalige russische Parlamentsabgeordnete Denis Woronenkow bei einer Veranstaltung im Sommer des vergangenen Jahres. (Archivbild vom 5.5.2016)

(Foto: dpa)
  • Der ehemalige russische Abgeordnete Denis Woronenkow ist in der Innenstadt von Kiew erschossen worden.
  • Drei bis vier Schüsse hätten den in der Ukraine im Exil lebenden Politiker getroffen, so ein Polizeisprecher.
  • Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bezeichnet den Mord als "Akt von Staatsterrorismus" mit Auftraggebern in Moskau. Der Kreml wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Von Julian Hans, Moskau, und Cathrin Kahlweit, Wien

Mitten in der Kiewer Innenstadt, vor dem Hotel Premier Palace, ist am Donnerstag der ehemalige russische Duma-Abgeordnete Denis Woronenkow ermordet worden. Bei einer Schießerei wurden auch Woronenkows Bodyguard sowie der Attentäter verletzt. Der Ex-Parlamentarier der Kommunistischen Partei lebte seit einigen Monaten in der Ukraine. Er hatte als Zeuge im Verfahren gegen den nach Russland geflüchteten ehemaligen Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch ausgesagt.

Einen Tag nach dem Mord an Woronenkow klärten ukrainische Behörden nach eigenen Angaben die Identität des Attentäters. Ein 28-jähriges ehemaliges Mitglied der Nationalgarde aus der Großstadt Dnipro habe die Tat verübt, teilte Anton Geraschtschenko, ein Berater von Innenminister Arsen Awakow, am Freitag auf Facebook mit.

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko den Mord als "Akt von Staatsterrorismus" mit Auftraggebern in Moskau bezeichnet, was von einem Kremlsprecher zurückgewiesen wurde. Laut Poroschenko sei der Tote aus politischen Gründen gezwungen gewesen, Russland zu verlassen. Der russische Geheimdienst sei mit Sicherheit in den Fall verwickelt, sagte er. Woronenkow habe wichtige Aussagen zur russischen Aggression gegen die Ukraine gemacht. Vor dem Mord war der Politiker auf dem Weg zu einem Treffen mit einem anderen Exilrussen gewesen. Der sagte aus, sein Kollege habe geplant, Korruption und Geldwäsche in Russland aufzudecken.

Dabei war Woronenkow lange Zeit alles andere als ein Dissident. Seine Wandlung zum Kreml-Gegner überraschte die russische Öffentlichkeit Anfang des Jahres daher, als er bekannt gab, dass er bereits im Oktober die ukrainische Staatsbürgerschaft beantragt habe. Zusammen mit seiner Frau Maria Maksakowa war er im Dezember nach Kiew übergesiedelt. In der russischen Staatsduma hatten die beiden vor allem mit ihrer interfraktionellen Hochzeit für Aufsehen gesorgt: Er war Abgeordneter der KP, sie hatte ihren Sitz im Parlament über die Kreml-Partei Einiges Russland bekommen - ein schönes Thema für die Klatschpresse, noch dazu, weil Maksakowa Opernsängerin am Sankt Petersburger Mariinski-Theater war.

In der Ukraine verglich er Putins Russland mit Deutschland unter Hitler

Nach seiner Emigration verglich der politisch bis dato eher unauffällige Woronenkow plötzlich Putins Russland mit Deutschland unter Hitler. Für die Krim-Annexion habe er gar nicht selbst gestimmt, andere hätten sein Abstimmungskärtchen eingeworfen, erklärte er ukrainischen Medien. Maksakowa ihrerseits belegte mit Urlaubsbildern, dass sie im März 2014 vorsorglich das Land verlassen habe, um nicht an der Abstimmung teilnehmen zu müssen. Seine Flucht aus Russland begründete Woronenkow damit, dass er vom russischen Geheimdienst verfolgt werde.

Nachdem er bei den Parlamentswahlen im September kein Mandat mehr bekommen hatte, nahmen die Ermittlungsbehörden einen Fall wieder auf, den sie zuvor wegen seiner Immunität fallen lassen mussten. Es ging um Korruption und Erpressung. Seit den 1990er Jahren war Woronenkow immer wieder im Graubereich zwischen Wirtschaft, organisierter Kriminalität und Politik aufgetaucht.

In Interviews, die russische Medien nach seiner Flucht mit Woronenkow führten, räumte er ein, dass es Anwerbungsversuche durch den ukrainischen Geheimdienst gegeben habe. Er sei aber bislang nicht darauf eingegangen.

© SZ vom 24.03.2017/lkr
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