Ukraine:Aufwärmen für den Sieg

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Haus in Horenka (Ukraine) kaputt vom Krieg

Die russische Angriffswelle hat nicht nur Häuser beschädigt (hier im Dorf Horenka), sondern auch viele Heizkraftwerke.

(Foto: Gleb Garanich/Reuters)

Ukrainische Behörden richten Zufluchtsorte für Bewohner ohne Strom und Heizung ein. Bei längerem Stromausfall werden sie so aber nicht Millionen Menschen durch den Winter bringen können.

Von Florian Hassel, Lyman

In der Frontstadt Lyman im Osten der Ukraine sollen sie in diesen Tagen den Betrieb aufnehmen: drei Aufwärmpunkte, in denen Einwohner der vom Krieg zerstörten Stadt ohne Strom, Heizung und Wasser sich aufwärmen, waschen und notfalls übernachten können. In ein paar Zimmern eines Krankenhauses haben die Stadtväter Betten ebenso aufgestellt wie zwei 1000-Liter-Wasserbehälter und zwei Waschmaschinen. Aus dem Hof wird ein containergroßes, mit Holz befeuertes Heizkraftwerk für Wärme sorgen, ein Dieselgenerator der Vereinten Nationen für Strom.

Was zunächst nur für kriegszerstörte Städte und Dörfer geplant war, bereiten ukrainische Behörden angesichts der russischen Bomben auf Elektrizitätswerke, Gasleitungen und andere Infrastruktur und dem möglichen Totalausfall von Strom und Heizung nun im ganzen Land vor: Zufluchtspunkte, in denen sich ausharrende Ukrainer aufwärmen und ihre Mobiltelefone aufladen können sowie Zugang zum Internet und Wasser bekommen.

Für viele Ukrainer könnten diese Orte schon in diesen Tagen überlebenswichtig werden. Am Mittwoch hat die russische Armee erneut einen heftigen Raketenangriff auf das gesamte Land gestartet. In der ganzen Ukraine war Luftalarm ausgelöst worden, besonders im Süden und Osten wurden Explosionen gemeldet. Mehrere Atomkraftwerke sollen ihre Reaktoren heruntergefahren haben oder seien vom Netz genommen worden. In weiten Teilen des Landes ebenso wie in der benachbarten Republik Moldau sei der Strom ausgefallen. In der Hauptstadt Kiew soll auch die Wasserversorgung zusammengebrochen sein.

Gut 4000 solcher Stellen, die von der Regierung auf den Durchhaltenamen "Punkte der Unbesiegbarkeit" getauft wurden und an denen die Ukrainer sich nun mit Wasser, Strom und Wärme versorgen können, seien bereits vorbereitet, so Präsident Wolodimir Selenskij; weitere seien geplant. "Wenn es wieder zu massiven russischen Angriffen kommt und klar wird, dass die Stromversorgung für Stunden nicht wiederhergestellt werden kann, werden die Unbesiegbarkeitszentren mit allen Schlüsseldiensten in Betrieb gehen", sagte der Präsident am Dienstag in seiner abendlichen Videobotschaft. "Wir müssen alle für jedes Szenario bereit sein, angesichts der Art, in der die Terroristen gegen unser Volk kämpfen und was sie zu tun versuchen."

Selenskij ruft zu Spenden für die "Punkte der Unbesiegbarkeit" auf

Ministerpräsident Denys Schmyhal hatte am 18. November gesagt, nach der russischen Angriffswelle vom 16. November sei die Hälfte der Stromversorgung zerstört oder beschädigt. Wolodymyr Kudryzkyj, Chef des Stromnetzoperators Ukrenergo, fügte jetzt hinzu, praktisch alle großen Heizkraftwerke seien beschädigt. Die russischen Angriffe auf zivile Infrastruktur sind Kriegsverbrechen; das Erste Zusatzprotokoll zur Genfer Konvention über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte von 1977 verbietet derlei etwa in den Artikeln 51 und 52 ausdrücklich.

Präsident Selenskij forderte die Ukrainer auf, auf der Seite nezlamnist.gov.ua ihre Adresse einzugeben um zu erfahren, wo die nächste Aufwärmstelle zu finden sei. Dort werde auch darüber informiert, welche Tankstelle, Apotheke, Drogerie und welcher Supermarkt noch geöffnet sei. Der Präsident rief wohlhabende Ukraine auf, für die "Punkte der Unbesiegbarkeit" weitere Generatoren, Starlink-Satelliteninternetempfänger oder auch nur Wasser zu spenden oder selbst derartige Zentren zu eröffnen.

Die Aufwärmpunkte sind ein Zeichen des Durchhaltewillens, doch kaum geeignet, Millionen Menschen bei längerem Stromausfall durch den oft bitteren ukrainischen Winter zu bringen. In Lyman etwa ist ein Aufwärmpunkt in einem Krankenhaus untergebracht. Der im Hof aufgestellte 150-Kilowatt-Generator soll beide mit Strom versorgen, benötigt dafür aber jede Stunde 16 Liter Diesel. Diesen Nachschub sicherzustellen, ist kein geringes Problem. Rings um Lyman gibt es Wälder, Holz für die Containerheizung steht damit zur Verfügung. In den Städten dürfte es ungleich schwerer sein, Brennmaterial zu beschaffen.

Die Stadtverwaltung von Kiew hat für den Fall eines tatsächlich länger anhaltenden vollständigen Stromausfalls sogar schon die Evakuierung aller verbliebenen Einwohner der ukrainischen Hauptstadt geplant. Kiew forderte ins Ausland geflohene Ukrainer auf, angesichts der Versorgungsschwierigkeiten vorerst nicht in ihre Heimat zurückzukehren. Den Einwohnern stark geschädigter Städte wie Cherson oder Mykolajw bot die Regierung wie zuvor schon in der Ostukraine kostenlose Evakuierung per Zug an - viele Menschen aber wollen nicht gehen.

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