Krieg in der Ukraine:Was macht Gerhard Schröder in Moskau?

Lesezeit: 3 min

Ehemaliger SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder

Gerhard Schröder zu Beginn einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Bundestags zum Pipeline-Projekt Nord Stream 2.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Der ungeliebte Altkanzler soll sich mit Russlands Staatschef Wladimir Putin getroffen haben. Das gibt Rätsel auf.

Von Nico Fried und Mike Szymanski, Berlin

Der Ex-Kanzler reist nach Moskau - aber so richtig weiß fast niemand etwas. Gerhard Schröder soll sich am Donnerstagabend mit seinem Freund, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen haben. So berichtet es das Nachrichtenportal Politico. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür bisher nicht. Der Kreml zeigte sich ahnungslos, die Bundesregierung lehnte einen Kommentar ab. Und das Büro des Altkanzlers in Berlin befindet sich in Auflösung, nachdem die letzten verbliebenen Mitarbeiter vergangene Woche um Versetzung gebeten hatten.

Neben dem Bericht von Politico gibt es noch ein Foto auf Instagram, das Schröders Ehefrau Soyeon Schröder-Kim in einer Gebetspose zeigt, im Hintergrund die Basilius-Kathedrale und der Kreml. Das Bild wurde offenkundig in einem Moskauer Hotel aufgenommen.

Schröder-Kim hatte vergangenes Wochenende bereits auf Instagram erklärt: "Was auch immer mein Mann tun kann, um zur Beendigung des Krieges beizutragen, wird er tun." Dabei erwähnte sie auch wohlwollend die Aufforderung des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk, Schröder solle seinen direkten Kontakt zu Putin für eine Vermittlung nutzen, um den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu beenden.

Melnyk sagte am Freitagabend bei Bild, die Initiative zu der Reise sei von Schröder ausgegangen. Schröder habe sich indirekt gemeldet, "über gewisse Kontakte, die auch Kontakte zur Ukraine haben". Dem Botschafter zufolge lief dies über den schweizerischen Ringier-Verlag, für den Schröder früher gearbeitet hatte. Ringier hatte erst vergangene Woche die Zusammenarbeit mit Schröder beendet, offenkundig wegen dessen Position zum Krieg in der Ukraine. Schröder soll dann von einem russischen Flugzeug aus Istanbul abgeholt worden sein.

Schröder - nur noch eine "tragische Figur"?

In der SPD-Spitze, so ist aus dem Willy-Brandt-Haus zu hören, wusste wohl niemand von Schröders Trip in diplomatischer Mission. Und in der Regierung des Parteikollegen, Kanzler Olaf Scholz, auch nicht. Scholz wollte den Besuch am Freitag nicht kommentieren. Gleichwohl sagte Scholz nach dem EU-Gipfel in Versailles: "Wir werden sicherlich die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen können und auch einbeziehen können, in all das, was wir an eigenen Anstrengungen unternommen haben." Die Drähte der SPD zu Schröder seien nahezu komplett abgerissen, heißt es. Selbst Parteichef Lars Klingbeil, der am Anfang seiner politischen Laufbahn im Abgeordnetenbüro von Gerhard Schröder arbeitete und immer die Verbindung zu ihm gehalten hatte, soll zum Altkanzler gerade keinen Kontakt mehr haben.

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Ende Februar hatte Klingbeil angefangen, sich von Schröder zu distanzieren. Wenige Tage nach Kriegsbeginn schrieb er auf Facebook: "Ich erwarte auch in diesen Tagen ein klares Verhalten von Gerhard Schröder." Mit Blick auf dessen Mandate bei russischen Gaskonzernen schrieb er: "Mit einem Aggressor, mit einem Kriegstreiber wie Putin macht man keine Geschäfte." Aber Schröder reagierte nicht. Er reagierte auch nicht, als die Parteispitze ihn abermals vor einer Woche aufforderte, seine Posten niederzulegen. Im Willy-Brandt-Haus wurden Briefe aufgesetzt. Wieder nichts. Klingbeil erklärte öffentlich, man erwarte "zeitnah" eine Antwort. Schröder, sagte Klingbeil, sei "komplett isoliert in der Sozialdemokratie".

In der Partei löst das Verhalten Schröders große Ratlosigkeit aus. Ein Spitzenfunktionär der SPD sagt, der Ex-Kanzler drohe nun "zur komplett tragischen Figur" zu werden, andere sprechen von einer Inszenierung, um zu retten, was von seinem einstigen Ansehen noch geblieben sei. Es gebe ein "großes Unwohlsein". Klingbeil sagte dem Spiegel: "Klar ist: Alles, was hilft, diesen grauenvollen Krieg in der Ukraine zu stoppen, ist gut." Aber dazu müsste erst einmal ein konkretes Ergebnis erkennbar sein. Und dann stellt sich die Frage, inwieweit es wirklich auf Schröders guten Draht zu Wladimir Putin zurückgeht. Instrumentalisiert am Ende Putin Schröder?

Erste Genossen haben seinen Parteiausschluss beantragt

Eine weitere Lesart geht so, dass Schröder wegen des anhaltenden gesellschaftlichen Drucks - am Freitag entzog ihm der Deutsche Fußball-Bund die Ehrenmitgliedschaft - den Versuch einer Vermittlung übernommen habe. Für den Fall eines Scheiterns könne er dann auch gegenüber Putin rechtfertigen, seine enge Verbindung zu ihm zu kappen.

In der SPD haben die ersten Genossen bereits Schröders Parteiausschluss beantragt. Schröder und seine Partei haben sich schon maximal voneinander entfernt. Und jetzt soll ausgerechnet ein Alleingang des Altkanzlers alles wieder zum Guten wenden? Schröder verrenne sich, heißt es in der Partei.

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