Süddeutsche Zeitung

Krieg in der Ukraine:Ukraine warnt vor russischer Offensive

Lesezeit: 3 min

Moskau könnte auch einen zweiten Angriff auf Kiew versuchen, befürchten der ukrainische Präsident und seine Generäle. Trotz der Hilfe aus dem Westen herrscht zwischen den Kriegsparteien kein Kräftegleichgewicht.

Von Florian Hassel, Belgrad

Den Anfang machte der Außenminister. Dmytro Kuleba warnte am 13. Dezember, Russland könne "irgendwann Ende Januar, Februar" 2023 eine neue, große Offensive gegen die Ukraine vorbereiten. Verteidigungsminister Oleksij Resnikow warnte im britischen Guardian, Präsident Wolodimir Selenskij, Generalstabschef Walerij Saluschnyj und Armeekommandeur Oleksandr Syrskyj im Economist vor einer womöglich kommenden russischen Offensive. Diese könne "im Februar, bestenfalls im März und schlechtestenfalls Ende Januar" erfolgen, so Saluschnyj. Der Angriff könne im Donbass kommen, von Süden auf Dnipro oder auch auf die Hauptstadt. "Ich zweifle nicht, dass sie noch einmal Kiew angreifen werden."

Das Institut für Kriegsstudien (ISW) in Washington sieht einige Anzeichen zur Vorbereitung einer Offensive, etwa Truppenkonzentrationen an möglichen Angriffsrouten in der Ostukraine oder die Verlegung schwerer Waffen. In Belarus dagegen sieht auch der ukrainische Generalstab bisher keine Belege für die Vorbereitung eines neuen Angriffs.

Die Warnungen sollen wohl die Notwendigkeit weiterer Hilfe unterstreichen

Die konzertierten Warnungen sollen offenbar in einer Zeit, in der viele Bürger im Westen des Krieges angesichts eigener Probleme mit explodierenden Heiz- und anderen Kosten überdrüssig werden, die Notwendigkeit weiterer Hilfe für Kiew unterstreichen. Auch, weil Russlands Präsident Wladimir Putin nach eigener Aussage bereit ist, den Krieg noch Jahre fortzuführen.

Seit Putin im September eine massive Mobilisierung befahl, hat Russland mehrere hunderttausend Mann eingezogen. Das Londoner Royal United Service Institute (RUSI) hält westliche Schätzungen von 400 000 für plausibel, weist indes darauf hin, Putin wolle womöglich bis zu einer Million Mann mobilisieren. Dem Kremlherrn zufolge sollen bisher nur 300 000 neue Soldaten eingezogen worden sein, von denen die Hälfte noch trainiert werde. Dem ukrainischen Generalstabschef Saluschnyj zufolge sammele Russland eine Streitmacht von 200 000 Mann für einen erneuten Überfall.

Die Ukraine zählt dem Economist-Bericht zufolge zwar mittlerweile mehr als 700 000 Uniformierte, doch nur 200 000 trainierte Soldaten. Träfe dies zu, wäre auch dies ein großer Mobilisierungserfolg: Zu Kriegsbeginn verfügte Kiew dem Institut für strategische Studien zufolge gerade über 125 000 kampffähige Soldaten - von denen nach einer Schätzung des US-Generalstabschefs Mark Milley bereits rund 40 000 gefallen seien dürften.

Der Kriegsverlauf beweist, dass Zahlen allein wenig besagen

Dem militärischen Befehlshaber der Briten, Admiral Tony Radakin, zufolge haben Großbritannien und mindestens acht weitere westliche Länder seit Juni fast 10 000 ukrainische Soldaten ausgebildet; zweifellos ein Erfolg, doch weit hinter den russischen Mobilisierungszahlen zurückliegend. Freilich hat der bisherige Kriegsverlauf bewiesen, dass Zahlen allein wenig besagen: 125 000 Soldaten reichten Kiew vor allem dank der westlichen Waffen, um Moskaus zahlenmäßig überlegenen Truppen verheerende Verluste beizufügen und sie zum Rückzug zu zwingen.

Das ISW gibt einer neuen russischen Offensive minimale Erfolgschancen. Nicht nur sei eine Einnahme Kiews durch russische Truppen "außerordentlich unwahrscheinlich", da Russlands Kampffähigkeit nach hohen Verlusten geschwächt ist. Selbst Russlands 1. Gardepanzerarmee habe so schwere Verluste erlitten, dass ihr Elitestatus selbst nach Auffüllung ihrer Reihen durch Reservisten und Mobilisierte fraglich sei. Generell seien russische Truppen kaum fähig, "in den kommenden Monaten strategisch bedeutsames Territorium einzunehmen".

Auch die Ukrainer haben freilich massive Probleme. "Wir verdanken alle unsere Erfolge der Tatsache, dass wir nie frontal angreifen", so General Syrskyj im Economist. Siege wie im Herbst in der Region Charkiw seien nach Finten und Überraschungsangriffen auf schwache russische Positionen möglich gewesen. Doch unterdessen hat Russland seine Verteidigungsstellungen vielerorts verstärkt.

Russen und Ukrainer haben nach dem Artilleriekrieg der vergangenen Monate Nachschubprobleme, ob bei Artilleriegranaten oder Marschflugkörpern und Flugabwehrsystemen. Zwar liefern die USA, Großbritannien, Deutschland und etliche andere Länder Waffen, doch Vorräte gehen zur Neige. Firmen, die die Rüstungsproduktion nach Ende des Kalten Krieges einstellten, verlangen für die Wiederaufnahme oder Neukonstruktion von Rüstungsproduktionen langfristige Verträge.

Finanziell kann sich Moskau den Krieg weiterhin leisten

Im Falle Russlands hofften viele Analysten, Moskau werde wegen westlicher Ausfuhrverbote für Hochtechnologie keine modernen Waffen mehr herstellen können. Doch die britische Gruppe Conflict Armament Research und das RUSI berichten, dass Russland oder auch der Drohnen an Moskau liefernde Iran sich scheinbar problemlos westliche Chips und andere Hochtechnologie besorgen, die sie zur Produktion ihrer Waffen brauchen.

Der Kreml kann sich die Fortführung des Krieges zudem immer noch vergleichsweise problemlos leisten. Laut dem finnischen Forschungszentrum CREA hat Russland bisher 243 Milliarden Euro allein dieses Jahr durch Öl und Gas eingenommen. 120 Milliarden Euro davon nach dem 24. Februar allein durch EU-Länder.

Die Ukraine dagegen ist faktisch bankrott. Wurde der westliche Zuschussbedarf nach Kriegsbeginn auf zwei Milliarden Euro monatlich geschätzt, so liegt er mittlerweile bei bis zu sieben Milliarden Dollar monatlich - auch wegen der systematischen Zerbombung der zivilen Infrastruktur durch Moskau. Und bisher schätzten die Vereinten Nationen die Zahl ukrainischer Flüchtlinge in Europa auf knapp acht Millionen; weitere Millionen Menschen könnten fliehen, wenn große Teile des Landes dauerhaft ohne Strom und Heizung bleiben.

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