Krieg in der Ukraine:Es wird dauern

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Krieg in der Ukraine: Soldaten der ukrainischen Nationalgarde bei einem Training im Westen des Landes

Soldaten der ukrainischen Nationalgarde bei einem Training im Westen des Landes

(Foto: STRINGER/REUTERS)

Präsident Selenskij schwört das Land auf einen längeren Konflikt ein. Im Süden sollen Partisanen gegen die Besatzer kämpfen.

Von Nicolas Freund

Wie seit einiger Zeit befürchtet wird, könnte der Krieg in der Ukraine noch lange dauern. Am Mittwochabend hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij angekündigt, das Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung um weitere 90 Tage bis 23. August zu verlängern. "Unsere Armee und alle, die den Staat verteidigen, müssen über alle rechtlichen Mittel verfügen, um in Ruhe zu agieren", sagte er in einer Ansprache. Man werde die russischen Besatzer auch aus dem Süden des Landes vertreiben. Wann das geschehe, hänge aber von der Lage auf dem Schlachtfeld ab.

Zur Lage der blockierten ukrainischen Schwarzmeer-Häfen nahm unterdessen Moskau Stellung. Wer fordere, die Hafenblockaden zu beenden, müsse auch die Gründe ansehen, welche die Nahrungsmittelkrise verursacht hätten, sagte Vizeaußenminister Andrej Rudenko laut der russischen Agentur Interfax: "Und das sind in erster Linie die Sanktionen, die von den USA und der EU gegen Russland verhängt wurden und den normalen freien Handel mit Nahrungsmitteln, einschließlich Weizen, Düngemitteln und anderen, behindern."

Auf dem Schlachtfeld wird derweil weiter heftig gekämpft, vor allem in der Gegend um die Orte Sjewjerodonezk und Popasna im Osten des Landes. Bei Charkiw sollen die russischen Truppen versuchen, ihre Stellungen zu befestigen, und die ukrainischen Streitkräfte weiter mit Artillerie beschießen. Der britische Militärgeheimdienst meldet außerdem, Russland habe einige seiner Generäle suspendiert und ausgetauscht. Ein solcher Wechsel der Kommandostruktur dürfte die Offensive nicht gerade beschleunigen.

Krieg in der Ukraine: Zerstörungen des Stahlwerks in Mariupol, das nun zum Gebiet der selbsternannten prorussischen Volksrepublik Donezk gehört.

Zerstörungen des Stahlwerks in Mariupol, das nun zum Gebiet der selbsternannten prorussischen Volksrepublik Donezk gehört.

(Foto: AP)

Von geringen Geländegewinnen hier und da abgesehen, können daher beide Seiten gerade keine großen Erfolge für sich verbuchen. Das könnte sich durch Waffenlieferungen ändern, aber derzeit sieht es danach aus, als würde es noch Monate dauern, bis Panzer und Artillerie aus dem Westen in größerer Zahl in der Ukraine zum Einsatz kommen. Im schlimmsten Fall könnte der Stellungskrieg im Osten noch Jahre dauern, tatsächlich tut er das auch schon: Bereits seit 2014 stehen sich in der Region die ukrainische Armee und prorussische Separatisten gegenüber.

Der Separatistenführer redet von Mariupol als künftigem Ferienort

Und obwohl es vermutlich noch dauern wird, bis auch der Süden der Ukraine befreit werden könnte, scheint in der Gegend doch bereits eine Art Partisanenkampf gegen die russischen Besatzer im Gang zu sein. In sozialen Netzwerken werden Berichte von angeblichen Anschlägen auf russische Soldaten und Fotos von Propaganda-Plakaten einer Widerstandsbewegung mit Drohungen gegen die russische Armee geteilt. Die Authentizität der Bilder und Berichte lässt sich nicht überprüfen. Am Mittwochabend kursierte die Nachricht, Partisanen hätten in der Nähe der besetzten Stadt Melitopol einen gepanzerten russischen Zug gesprengt. Ein Berater Selenskijs relativierte die Meldung später: Ukrainische Reservisten hätten nicht den Zug gesprengt, aber die Gleise zerstört.

Der Angriff zeigt trotzdem, dass die ukrainische Armee oder Partisanen zu schweren Schlägen gegen die russische Armee in der Lage sind, selbst in den besetzten Gebieten. Und auch in Russland selbst scheinen ukrainische Angriffe zuzunehmen. So wurde am Donnerstagmorgen Beschuss in der russischen Region Kursk gemeldet, in dem Ort Tjotkino sollen mehrere Gebäude getroffen worden sein. Das behauptete zumindest der örtliche Gouverneur.

Russland wiederum soll den Angriff auf das Stahlwerk in Mariupol fortgesetzt haben. Zuletzt hatten sich wieder Hunderte ukrainische Soldaten, die sich seit Wochen in dem Komplex verschanzt hatten, der russischen Armee ergeben. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, russische Nachrichtenagenturen meldeten die Kapitulation von 771 Kämpfern, damit hätten sich insgesamt 1730 Soldaten ergeben. Das Rote Kreuz registrierte mehrere Hundert Kriegsgefangene. Es wird vermutet, dass sich mehr als 2000 Männer und Frauen der ukrainischen Streitkräfte in dem Stahlwerk aufgehalten haben. Separatistenführer Denis Puschilin teilte unterdessen mit, man wolle das Werk vollständig zerstören, die Stadt solle als "Ferienort" wieder aufgebaut werden. Das Stahlwerk als Denkmal an den erbitterten Widerstand der ukrainischen Armee gegen die russische Invasion würde da beim Baden natürlich stören.

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