Ukraine "Ohne freie Durchfahrt hat der Hafen keine Perspektive - und die Region auch nicht"

Auch im 80 Kilometer entfernten Berdjansk haben die Stadtlenker Grund zur Sorge. Bürgermeister Wladimir Tschepurnij empfängt im Rathaus aus Sowjetzeiten, das viele der 120 000 Einwohner immer noch das "Parteikomitee" nennen. "Nach der Annexion der Krim gehörten wir zu den wenigen Gewinnern", gibt der Bürgermeister zu, dessen hünenhafte Gestalt sein Büro ebenso zu sprengen scheint wie die volle Bassstimme. "Wir sind nicht nur Hafen-, sondern auch Urlaubsort: Statt zuvor 300 000 kamen nach dem Verlust der Krim im Sommer bis zu 1,5 Millionen Urlauber zu uns." Doch nachdem die ukrainische Marine im Frühjahr 2018 bekannt gab, sie werde im Asowschen Meer Manöver abhalten, "blieben sofort ein paar Hunderttausend Gäste weg. Und wenn die Spannungen nicht nachlassen, fürchte ich noch mehr um die kommende Sommersaison", sagt Tschepurnij.

Noch dramatischer ist die Lage im Hafen von Berdjansk. 2016 wurden dort knapp vier Millionen Tonnen Fracht verladen, 2018 nicht einmal mehr zwei Millionen Tonnen, so Verwaltungsdirektor Alexander Bartschan. "Damit schreiben wir tiefrote Zahlen. Unser Hauptkunde sind Achmetows Stahlwerke und andere seiner Unternehmen. Aber je länger die Wartezeiten an der Kertsch-Meeresenge, desto mehr Stahl geht per Eisenbahn in den Hafen von Odessa oder gar nach Europa - auch wenn das deutlich teurer ist." Vor der Teilblockade arbeiteten im Hafen 1600 Menschen. Mehrere Tausend Jobs hängen Bartschan zufolge indirekt am Erfolg des Hafens. Doch in den letzten Monaten musste der Hafen 350 Mitarbeiter entlassen. "Ohne freie Durchfahrt hat der Hafen keine Perspektive - und die Region auch nicht."

Bereits der Bau der russischen Brücke durch die Kertsch-Meerenge verstieß Experten zufolge sowohl gegen die UN-Seerechtskonvention wie gegen ein Abkommen zwischen Moskau und Kiew von 2004. Seit dem militärischen Zusammenstoß vom 25. November und internationalen Protesten lockert Moskau die Warteblockade manchmal vorübergehend, sagt Andriy Klimenko von den Black Sea News.

Die Verhandlungen zwischen Moskau, Berlin und Kiew treten auf der Stelle

"Als Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Macron am 28. Dezember gemeinsam freie Schifffahrt durch die Kertsch-Meerenge forderten, gab es ein paar Tage keine oder nur ein paar Stunden Wartezeit. Anfang Januar mussten Schiffe wieder tagelang warten. Nur wenn der deutsche Außenminister wie am 18. Januar nach Moskau fliegt oder wie Ende Januar eine hochrangige EU-Delegation nach Mariupol kommt, geht die Wartezeit wieder zurück", so Klimenko. Anders als Schiffe nach Mariupol oder Berdjansk können russische Schiffe, die im Asowschen Meer russische Häfen wie Taganrog oder Asow anlaufen, die Kertsch-Meerenge ohne Wartezeit passieren. Das bestätigen der SZ sowohl westliche Diplomaten als auch der Eigner eines in Taganrog stationierten Frachtschiffes.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verfolgt den Krieg in der Ostukraine auch von Mariupol aus. Bundeskanzlerin Merkel schlug Präsident Putin schon Ende November die Beobachtung der Meerenge durch die OSZE oder deutsch-französische Beobachter vor. Doch ein entsprechendes OSZE-Mandat lehnte Moskau offiziell ab. Verhandlungen zwischen den Außenministerien in Moskau, Berlin und Kiew zur Stationierung einer ständigen deutsch-französischen Mission an der Meerenge treten nach SZ-Informationen auf der Stelle.

In der EU verlangen Polen und Schweden, England oder Dänemark vor diesem Hintergrund neue Sanktionen gegenüber Russland. Auch die US-Diplomatie soll dies erwägen. Analyst Klimenko plädiert für weitere Sanktionen gegen russische Unternehmen auf der Krim. "Schon die wegen der illegalen Annexion der Krim erlassenen Sanktionen sind für Russland sehr schmerzhaft: Die Krim ist heute die teuerste Zuschussregion in ganz Russland, die Moskau jährlich Hunderte Millionen Euro kostet", glaubt Klimenko. "Wenn die Russen die Schifffahrt durch die Kertsch-Meerenge weiter behindern, könnten Europäer oder Amerikaner im Gegenzug etwa auch russische Häfen wie Noworossijsk, Taganrog oder Asow sanktionieren."

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