Militärische Lage in der Ukraine:Schlechter Krieg statt schlechter Frieden

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Die Ukraine meldet wieder Erfolge, die Russen kommen kaum voran. Wendet sich das Blatt? Die Verteidigungsexpertin Claudia Major warnt vor zu schnellen Schlüssen.

Von Nicolas Freund

Die Meldung ging in den vergangenen Tagen etwas unter, aber in einem Vorort der ukrainischen Stadt Odessa ist eine Straße nach dem britischen Premierminister Boris Johnson benannt worden. Der gilt in der Ukraine als Held, weil seine Regierung ohne viele Diskussionen militärische, finanzielle und nachrichtendienstliche Hilfen im Krieg gegen Russland geleistet hat.

Erst am Dienstag sprach Johnson wieder per Fernschalte vor dem ukrainischen Parlament und kündete weitere Unterstützung an, Radarsysteme für die Artillerie etwa - und Nachtsichtgeräte. Wichtig für den Kampf, denn an Letzteren scheint es der russischen Armee zu fehlen. Zumindest berichten Experten der britischen Zeitung The Telegraph, dass russische Truppen mangels passender Ausrüstung nicht so gerne bei Nacht angreifen würden.

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So gesehen wären Nachtsichtgeräte ein weiterer taktischer Vorteil für die ukrainischen Verteidiger. Die berichten aber auch so schon von Erfolgen im Osten des Landes, obwohl viele der vehement geforderten Waffen aus dem Westen noch gar nicht an der Front angekommen sind. Bei Charkiw im Nordosten sollen die Kämpfer nach übereinstimmenden Berichten die russischen Angreifer 40 Kilometer zurückgedrängt haben.

Russland dagegen kann entlang der gesamten Kontaktlinie nur kleine oder gar keine Geländegewinne verzeichnen. Laut ukrainischem Generalstab sind die russischen Streitkräfte in der Region bunt zusammengewürfelt. Am Mittwochabend warfen ukrainische Kämpfer Russland vor, mit dem Sturm auf das belagerte Asow-Stahlwerk in Mariupol begonnen zu haben. Der Kreml dementierte das, und das Moskauer Verteidigungsministerium kündigte eine Feuerpause für die Rettung dort festsitzender Zivilisten an. Im ganzen Land gab es in der Nacht wieder Raketenangriffe, auch auf Kiew und Lwiw im Westen. Ziel waren wohl vor allem Gleise und Bahnhöfe. Präsident Wolodimir Selenskij deutet das in einer Ansprache aber als Verzweiflungstat der russischen Truppen.

Verteidigen und erobern ist nicht dasselbe

Sieht es also wirklich schlecht aus für Moskaus Streitkräfte? Claudia Major ist Expertin für Sicherheits- und Verteidigungspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und warnt vor zu viel Optimismus angesichts dieser Erfolgsmeldungen: "Es ist etwas anderes, einen russischen Angriff abzuwehren, als diese riesigen Gebiete zurückzuerobern. Das ist eine ganz andere Herausforderung. Wir können aus den Erfolgen der Ukrainer nicht schließen, dass sie demnächst die Landbrücke vom Donbass zur Krim zurückerobern." Das gilt erst recht, wenn versprochene Waffen wohl erst in einigen Wochen in der Ukraine eintreffen, weil sie noch Überholung brauchen, die Munition beschafft werden muss und ukrainische Soldaten dafür ausgebildet werden müssen.

Russlands Armee mag in einem schlechteren Zustand sein als vermutet, sich aber weiter zurückzuziehen, scheint für sie derzeit keine Option zu sein, egal wie mies es gerade läuft. Das sieht auch Claudia Major so: "Wir wissen natürlich nicht genau, was in der russischen Armee los ist. Aber am 9. Mai, wenn der historische Sieg über Nazideutschland gefeiert wird, muss Putin irgendetwas vorweisen können. Das könnte die Einnahme des Stahlwerks in Mariupol sein, aber auch die Einführung des Rubel und Pseudo-Unabhängigkeitsreferenden in den besetzten Gebieten, was schon vorbereitet wird. Das würde dann auch gleich noch zeigen, dass man gekommen ist, um zu bleiben. Ich gehe in jedem Fall davon aus, dass die Angriffe weitergehen", erklärt die Sicherheitsexpertin.

Gründe dafür sieht Major auch in der innenpolitischen Lage Russlands und der Ukraine: "Derzeit glauben beide Seiten noch, sie gewinnen mehr, wenn sie weitermachen, als wenn sie aufhören. Die Ukraine kämpft um ihre Existenz. Ich befürchte, dieser Abnutzungskrieg, der jetzt gerade stattfindet, wird noch lange weitergehen. Dafür spricht, dass es einfacher ist, Gelände zu verteidigen, als anzugreifen und einzunehmen. Wenn Putin jetzt Frieden schließt, muss er das zu Hause auch als Erfolg verkaufen können. Und gerade glaubt die russische Führung, sie könnte noch mehr gewinnen. Die Ukrainer müssten hingegen deutlich mehr aufbieten, um ihre Gebiete zurückzuerobern. Allerdings ist der Wille dafür und die internationale Unterstützung vorhanden, angesichts des Vernichtungskrieges, den Russland führt, und dessen Folgen etwa in Butscha und Mariupol weltweit sichtbar geworden sind."

Am Mittwoch meldete die Nachrichtenagentur AP, in dem Mitte März bombardierten Theater in Mariupol seien möglicherweise bis zu 600 Menschen um Leben gekommen. Claudia Major bringt die Lage auf den Punkt: "Für Russland ist ein schlechter Krieg gerade besser als ein schlechter Frieden."

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