Russland-Ukraine-Konflikt:Russland verstärkt Truppen an der Grenze zur Ukraine

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Russische Militärfahrzeuge nahe der ukrainischen Grenze. Aufnahme vom 1. November.

(Foto: Maxar Technologies/AFP)

Frankreich und Deutschland mahnen Moskau zur Zurückhaltung, das Verteidigungsministerium in Kiew erwartet einen Zuspitzung der Lage im Winter, "beginnend im Dezember".

Von Silke Bigalke, Moskau, und Florian Hassel, Kiew

Russische Soldaten, die nahe der ukrainischen Grenze stationiert sind, gehören seit Jahren zur Normalität. Seit einigen Wochen aber scheinen sich diese Truppen auf eine Weise zu vermehren und zu bewegen, die westliche Regierungen alarmiert. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprach von "großen und ungewöhnlichen" Truppenkonzentrationen in Grenznähe, Frankreich und Deutschland mahnten Moskau zur Zurückhaltung und die Ukraine zur Besonnenheit. US-Außenminister Antony Blinken warnte Russland vor einem "ernsten Fehler", sollte es wiederholen, was es bereits 2014 versucht habe, nämlich auf "souveränes ukrainisches Territorium" vorzudringen. Man ist nervös, und zwar nicht zum ersten Mal in diesem Jahr.

Bereits im März hatte Moskau Zehntausende Soldaten in Grenznähe zur Ukraine und auf die annektierte Krim verlegt - zusätzlich zu den Einheiten, die dort dauerhaft stationiert sind. Damals sprach der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu von einer Übung und Überprüfung, die er Ende April für beendet erklärte. Danach zog er die Truppen wieder ab - aber eben nicht alle. Die Panzer und Militärfahrzeuge der 41. Armee etwa, die eigentlich im sibirischen Nowosibirsk stationiert sind, blieben auf dem Truppenübungsplatz Pogonowo in der Nähe von Woronesch, 170 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Es folge im September schließlich noch die Großübung "Sapad", Westen, sagte Schoigu damals.

Nun ist auch die Sapad-Übung vorbei, doch die 41. Armee ist immer noch nicht auf dem Rückweg nach Sibirien. Stattdessen wurde sie offenbar von Woronosch nach Jelnja in der Region Smolensk verlegt. Das zeigen Satellitenbilder und Videos aus sozialen Medien, die die Recherchegruppe "Conflict Intelligence Team" (CIT) gesammelt und analysiert hat. Jelnja liegt nicht weiter von der ukrainischen Grenze weg als Pogonowo. Grund zur Sorge, finden die CIT-Experten, aber kein "klarer Beweis für Vorbereitungen einer offensiven Operation".

Mehr als nur eine Routineübung

Es gab noch weitere Verlegungen, offenbar ist etwa eine Panzerdivision aus dem Moskauer Umland mit Zügen Richtung Süden gebracht worden. Vieles ist anders als im Frühjahr, es handelt sich wohl um weniger Truppen, sie bewegen sich leiser, die Lage ist undurchschaubarer. "Im südlichen Militärbezirk gibt es zwar Truppenbewegungen, einschließlich Luftlandetruppen", schrieb etwa der Militärexperte Pawel Felgengauer in der Nowaja Gaseta, "aber nichts Vergleichbares nach der Größe mit der Frühjahrsüberprüfung der Kampfbereitschaft". Es scheint sich auch nicht um eine Routineübung zu handeln, schrieb der amerikanische Militär-Experte Michael Kofman auf Twitter, "man würde sich schwertun, eine harmlose Erklärung für das zu finden, was dort beobachtet wird".

Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow zeigte sich am Dienstag "besorgt über Russlands militärischen Aufbau und Aktivitäten an den Grenzen der Ukraine". Seine Stellvertreterin Anna Maljar sagte tags zuvor im Fernsehsender ICTV, die Ukraine und westliche Alliierte stimmen in ihrer Analyse über die Zahl und Bedeutung russischer Truppen in Grenznähe überein und erwarteten dort eine Zuspitzung "in diesem Winter, beginnend mit Dezember".

Präsident Wolodimir Selenskij sprach vergangene Woche von "fast 100 000 Militärs an unserer Grenze". Der Krieg in der Ostukraine gehe nun schon ins achte Jahr, sagte er in einer Videoansprache, das Gleiche gelte für die russischen Truppenbewegungen. "Psychologischer Druck vonseiten der Russischen Föderation wirkt auf uns schon lange nicht mehr." Es gebe keinen Grund zur Panik, ergänzte David Arachamija, Chef der Selenskij-Fraktion "Diener des Volkes" im ukrainischen Parlament. "Auch beim letzten Mal, vor vier oder fünf Monaten, gab es eine große Konzentration russischer Streitkräfte." Auch damals hätten "sehr viele unserer Partner" Russland vor den möglichen Folgen gewarnt.

Putin kritisiert Nato-Manöver im Schwarzen Meer

In Moskau ließ sich Wladimir Putin am Wochenende im Staatsfernsehen nach der Lage an der ukrainischen Grenze fragen - und nutzte seine Antwort, um über eine "außerplanmäßige" Nato-Übung im Schwarzen Meer zu klagen, die eine "ernsthafte Herausforderung" für Russland gewesen sei. Putin sagte nicht, welche Übung er meinte, derzeit befinden sich mehrere US-Kriegsschiffe im Schwarzen Meer. Im Oktober hatte der Präsident vor dem internationalen Waldai-Diskussionsforum erklärt, formal würde die Ukraine vielleicht nie der Nato beitreten, aber es sei bereits eine "militärische Expansion auf dem Territorium" im Gange - und dies sei eine Bedrohung für Russland.

Zuletzt kritisierte Putin vor allem, dass das ukrainische Militär im Oktober eine türkische Bayraktar-Drohne im Donbass eingesetzt hatte - ein Verstoß gegen die Waffenruhe. Dieselben Drohnen hatte auch der aserbaidschanischen Machthaber Ilham Alijew vergangenes Jahr im Konflikt um die Region Bergkarabach genutzt, den er gegen Armenien gewann. Sollte die Ukraine im Donbass nun tatsächlich "dem Weg von Alijew folgen", sagte Andrej Kortunow, Chef des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten, der Nachrichtenagentur Ria Nowosti, "dann wird Russland wahrscheinlich tatsächlich gezwungen sein, zu reagieren". Kortunow betonte aber auch, dass er eine Militäraktion für nicht wahrscheinlich halte. Russland könne dadurch "nichts erreichen" und die Verluste würden "sehr groß" sein.

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