Krieg in der UkraineWas über die „Operation Spinnennetz“ bekannt ist

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Dieses Bild aus einem Video, das vom ukrainischen Geheimdienst stammt, soll einen der Drohnenangriffe auf eine russische Militärmaschine zeigen.
Dieses Bild aus einem Video, das vom ukrainischen Geheimdienst stammt, soll einen der Drohnenangriffe auf eine russische Militärmaschine zeigen. (Foto: AP)

Kurz vor den neuen Friedensverhandlungen gelingt der Ukraine ein spektakulärer Schlag gegen die russische Luftwaffe: Mit Drohnen zerstört sie angeblich mehr als 40 Militärmaschinen. Wie groß sind die Schäden, welche Folgen wird die Attacke haben?

Von Kassian Stroh

Der Ukraine ist ein spektakulärer Schlag gegen die russische Luftwaffe gelungen. Mit Drohnen hat sie offenbar mehr als drei Dutzend strategische Bomber zerstört oder beschädigt. Und sie hat diese Drohnen nicht von heimischem Boden aus starten lassen, sondern im direkten Umfeld von mindestens vier Flugplätzen in Russland. „Eine brillante Operation“, jubelte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij. Zumal sie zu einem günstigen Zeitpunkt erfolgt ist, um militärische Stärke zu demonstrieren: An diesem Montag treffen sich in Istanbul erneut Delegationen der Ukraine und Russlands, um über einen möglichen Weg hin zu einer Waffenruhe zu verhandeln.

Was ist passiert?

Verantwortlich für die große koordinierte Attacke ist offenbar der ukrainische Geheimdienst SBU. Er teilte am Sonntag mit, die Militärflugplätze Djagilewo in der russischen Region Rjasan, Olenja in der Region Murmansk, Belaja in der sibirischen Region Irkutsk und Iwanowo in der Region Iwanow angegriffen zu haben. Der SBU hat der Aktion den Namen „Operation Spinnennetz“ gegeben. Nach seinen Angaben, die nicht unabhängig überprüft sind, wurden mehr als 40 Kampf- und Aufklärungsflugzeuge zerstört. Das sei etwa ein Drittel der russischen Bomber, die in der Lage sind, Marschflugkörper abzusetzen. Fotos und Videos zeigen beschädigte und zerstörte Kampfflugzeuge der Typen Tupolew Tu-95 und Tu-22M.

Was sagt Russland dazu?

Nachdem die Attacke bekannt wurde, schwieg die Regierung in Moskau am Sonntag zunächst einige Zeit. Später bestätigte das Verteidigungsministerium kurz und knapp, dass in den Regionen Murmansk und Irkutsk Flugzeuge durch Drohnenangriffe in Brand geraten seien. Details nannte es nicht.  Alle weiteren Angriffe seien abgewehrt worden. Die russische Regierung, die von „Terroranschlägen“ spricht, nannte als Ziel noch einen fünften, nicht näher benannten Luftwaffenstützpunkt in der Region Amur. Russische Quellen schreiben, dies sei der Flugplatz Ukrainka gewesen.

Wie erfolgte der Angriff?

Die Ukraine greift immer wieder mit Drohnen Ziele in Russland an – teils weit von der Grenze entfernt im Landesinneren. Seit Jahresbeginn legt sie so beispielsweise immer wieder den Betrieb ziviler Flughäfen stundenweise lahm. Diesmal hingegen hat sie die Drohnen, offenbar mit Sprengstoff bestückte Quadrocopter-Drohnen, nicht in der Ukraine gestartet und dann über die Grenze fliegen lassen. Nach allem was man weiß, wurden die Geräte in Holzkisten auf Lastwagen versteckt, die nahe an den Militärarealen in Russland abgestellt wurden. Dort öffneten sich die Kisten automatisch, die Drohnen flogen heraus und begannen ihre Attacke. Im Netz zirkulieren nicht verifizierte Bilder, die die präparierten Lkw-Container zeigen sollen.

Plattform X

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Auf der Plattform X ist auch ein nicht verifiziertes Video zu sehen, das zeigen soll, wie Menschen auf einem Lastwagen versuchen, den Start der Drohnen teils mit Händen zu verhindern. Präsident Selenskij zufolge wurden insgesamt 117 Kampfdrohnen eingesetzt. Angeblich wurden sie aus der Ukraine nach Russland geschmuggelt.

Wie wurde dieser Angriff vorbereitet?

Gut eineinhalb Jahre lang sei diese koordinierte Attacke geplant worden, schrieb Selenskij. Er selbst habe sie seinerzeit genehmigt. Das scheint ihn besonders mit Stolz zu erfüllen. „Planung, Organisation, jedes Detail wurde perfekt umgesetzt“, schrieb Selenskij. „Man kann mit Sicherheit sagen, dass dies eine absolut einzigartige Operation war.“ Ukrainische Agenten seien in diversen russischen Regionen im Einsatz gewesen, über drei Zeitzonen hinweg – und die Zentrale der Operation habe direkt neben einem regionalen Hauptquartier des russischen Geheimdienstes FSB gelegen, führte Selenskij stolz auf. Die Helfer vor Ort seien „vor der Operation von russischem Territorium abgezogen“ worden und nun in Sicherheit. Die Regierung in Moskau hingegen spricht inzwischen von ersten Festnahmen nach den Angriffen.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij und Geheimdienstchef Wassyl Maljuk.
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij und Geheimdienstchef Wassyl Maljuk. (Foto: Ukrainian Presidential Press /via REeuters)

Welche Bedeutung haben die attackierten Kampfjets, wie groß ist der Schaden für Russland?

Die strategischen Bomber, die auf den Flugplätzen im Freien geparkt waren und dort von den Drohnen getroffen wurden, sind wichtig für Russland: Sie können Raketen und Marschflugkörper transportieren und in der Luft abfeuern. Dadurch haben diese Waffen eine hohe Reichweite und erschweren der Ukraine die Luftverteidigung. Mit derartigen Luftangriffen hat Russland seit Kriegsbeginn massive Zerstörungen in der Ukraine angerichtet. Es ist unklar, wie viele Jets nun wie schwer beschädigt worden sind und wie schwer es der russischen Armee fallen wird, sie zu reparieren. Der ukrainische Geheimdienst SBU spricht von einem Schaden in Höhe von sieben Milliarden Dollar. Ob das stimmt, ist unklar. Klar ist: Der materielle Schaden für Russland ist enorm, Kampfflieger sind sehr teuer.

Zumal wenn bei den Angriffen, wie von der Ukraine behauptet, auch ein oder mehrere Flugzeuge vom Typ Berijew A-50 zerstört wurden. Das sind besondere Jets mit einer Radarantenne auf dem Dach, die zur Aufklärung und zur Koordinierung von Luftangriffen genutzt werden. Von ihnen soll Russland noch etwa zehn Exemplare besitzen. Bereits Anfang 2024 meldete die Ukraine, zwei Berijew A-50 abgeschossen zu haben.

Ein strategischer Bomber vom Typ  Tu-95  über Moskau (Archivbild aus dem Jahr 2015).
Ein strategischer Bomber vom Typ Tu-95 über Moskau (Archivbild aus dem Jahr 2015). (Foto: Yuri Kochetkov/epa/dpa)

Welche Auswirkungen haben die Schäden?

Grundsätzlich dürften Angriffe mit Marschflugkörpern oder Luft-Boden-Raketen für die russische Armee schwieriger werden, je weniger Bomber sie einsetzen kann. Ihre massiven Luftangriffe auf Ziele in der ganzen Ukraine werden jetzt aber nicht aufhören: Denn sie erfolgen inzwischen, anders als zu Beginn der Großinvasion vor drei Jahren, zum weitaus größten Teil mit Kampfdrohnen, die in Schwärmen über die Ukraine fliegen. Und die werden nicht von Flugzeugen, sondern vom Boden aus gestartet. Erst am Sonntag meldete die ukrainische Luftwaffe, dass Russland in der Nacht zuvor 472 Kampfdrohnen eingesetzt habe – so viele wie nie zuvor in einer Nacht.

Warum ist der Zeitpunkt des Angriffs bemerkenswert?

In Istanbul gibt es an diesem Montag wieder direkte Gespräche zwischen Delegationen der Ukraine und Russlands. Zwar hatte die Regierung in Kiew ihre Beteiligung davon abhängig gemacht, dass der Kreml ihr zuvor ihr Memorandum zukommen lässt, in dem Bedingungen für eine Waffenruhe formuliert werden. Dies ist wohl nicht erfolgt. Trotzdem teilte Selenskij am Sonntag mit, eine Delegation mit Verteidigungsminister Rustem Umjerow an der Spitze werde nach Istanbul kommen.

Dieser kann seine Reise nun, da seine Armee den russischen Streitkräften einen empfindlichen Schlag versetzt hat, mit deutlich mehr Selbstbewusstsein antreten. Was das für ein mögliches Ergebnis der Verhandlungen bedeutet, ist aber unklar. Die Erwartungen, dass beide Seiten deutlich vorankommen, sind gering – zu weit auseinander liegen die Forderungen. An den Gesprächen werden auch Vertreter der USA, Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs teilnehmen, moderiert werden sie von der Türkei, die in dem Konflikt als Vermittlerin aufzutreten versucht. Zuletzt trafen sich Vertreter der Ukraine und Russlands am 16. Mai in Istanbul. Konkret vereinbart wurde dort der Austausch von jeweils 1000 Kriegsgefangenen.

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