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Ukraine:Ruslana will die Proteste am Köcheln halten

Ruslana will, dass es vorwärts geht, und vorwärts heißt für sie, dass die Ukraine sich für Europa entscheidet, und dass der Präsident Viktor Janukowitsch abtreten soll. "Er hat sich ein System geschaffen, um an der Macht zu bleiben", sagt sie mit ihrer heiseren Stimme.

"Er hat genau verstanden, dass er eine zweite Amtszeit nicht erreichen wird, also nutzt er den Staat und schafft Gesetze, wie er sie braucht. Und er trommelt Leute zusammen, damit sie für ihn demonstrieren. Das ist das klassische Muster der Sowjetunion, er hat sich eine kleine Sowjetunion geschaffen." Sie sagt das ganz ruhig, und es ist schwer zu sagen, ob das nun die Erschöpfung ist oder die Entschlossenheit, die da aus ihr spricht.

Ruslana kommt aus Lwiw, aus Lemberg, im Westen der Ukraine. Schon immer ist dort den Menschen Europa sehr viel näher gewesen als denen im industriellen Osten des Landes, wo die Ukrainer in der Regel Russisch sprechen. Und den Präsidenten Janukowitsch unterstützen. "Lwiw ist eine europäische Stadt", sagt sie, "die Geschichte, die Architektur, man kann das alles sehen."

Aber sie ist doch eine nationale Trophäe seit ihrem Sieg beim Grand Prix, und selbst im Osten beliebt, auch bei den Nachbarn in Russland, und sie sagt, "von dort schreiben mir viele Menschen, dass sie uns verstehen, uns unterstützen". Mehr als zweitausend SMS hat sie schon bekommen, und das wundert auch nicht, denn Ruslana gibt eine ihrer Nummern offen preis. Sie will, dass man ihr schreibt, "sie sollen mich benutzen", sagt sie.

Lichter als Schutz der Proteste

Aber so ist das ja nicht, dass sie benutzt wird, sie will die Proteste am Köcheln halten, will selber, dass sich das Land verändert, demokratischer, europäischer wird. Auf der Bühne sieht das dann manchmal seltsam aus. Wenn sie nicht gerade singt, macht sie aus ihrem Handy eine Taschenlampe, mit der sie ins demonstrierende Publikum winkt, das zurückwinkt mit Tausenden Lichtern.

"Die Lichter sollen so etwas wie ein Schutz sein für den Unabhängigkeitsplatz", der seit Tagen meterhoch verbarrikadiert ist aus Angst vor Panzern und Polizei. Ruslana also steht dann auf der Bühne und liest Mails auf ihrem Handy, holt sich Papier und macht darauf Notizen, während sie anderen beim Singen den Vortritt lässt. "Ich will wissen, was die Menschen mir schreiben, und ich schreibe mir dann auf, was ich von der Bühne aus weitergeben will. Am liebsten wollen ja alle hier hinauf und etwas sagen."

Manchmal können sie es auch deshalb nicht, weil sie unterwegs festgehalten werden. Dann macht Ruslana eine Art Verkehrsbericht. "Neun Busse mit Anhängern sind von der Polizei gestoppt worden", ruft sie ins Mikrofon, und das Publikum buht. Dann sagt sie, dass Busse mit Demonstranten aus Ternopil auf dem Weg nach Kiew sind. Und die Zuhörer jubeln.

Von Fans zu sprechen wäre ja falsch, es geht nicht um die Sängerin Ruslana, auch wenn sie ihren Namen immer wieder im Stakkato rufen. Es geht um den Protest, den sie begleitet, moderiert, bei Laune hält mit ihren Liedern. Einmal ruft sie den Boxer und Oppositionspolitiker Wladimir Klitschko auf die Bühne, der sich für ein paar Minuten der Menge zeigt. Und sie skandiert, "Brat sa brata", der Bruder für den Bruder, Wladimir also für Vitali, den älteren Klitschko-Bruder, der ja Präsident der Ukraine werden will.

Auch die beiden Boxer verwenden viel Kraft für Veränderungen in diesem Land, für ihren Kampf gegen die Regierung. Als er zu Ende gesprochen hat, sagt Klitschko hinter der Bühne über Ruslana, "diese Frau gibt Gas ohne Ende." Und Ruslana singt und tanzt und ordnet ihre Notizzettel und lässt bei all dem die langen schwarzen Haare wirbeln bis zur morgendlichen Erschöpfung.

Doch wird all das womöglich nicht reichen. Präsident Janukowitsch ist hartnäckig, denkt nicht an Rücktritt, nicht an seinen eigenen, und auch nicht an den seiner Regierung. "Er soll einfach gehen, und das Volk in Ruhe lassen", sagt Ruslana.

Aber er will nicht einknicken vor der Menschenmenge, das weiß die Sängerin. Im Gegenteil, sie hält Repressionen für möglich, "gegen Klitschko, vielleicht gegen mich". Hat sie Angst? "Nein, denn das Recht ist auf unserer Seite. Millionen Menschen können sich nicht irren", sagt sie. Dann ist ihr Tag zu Ende.

© SZ vom 16.12.2013/gal
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