Ukraine Ruslana - heisere Stimme der Revolution

Vor neun Jahren gewann sie den Eurovision Song Contest. Nun tritt die Sängerin Ruslana jeden Tag auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew auf. Sie ist eins der wichtigen Gesichter des Protests gegen Präsident Janukowitsch.

Von Frank Nienhuysen, Kiew

Im ganzen Land populär: die ukrainische Sängerin Ruslana

(Foto: REUTERS)

Sie gibt die Nacht her für ihr Land, aber jetzt ist auch Ruslana müde. Es ist halb neun am Morgen, neun Mal hat sie in den vergangenen Stunden die Nationalhymne gesungen, neun Mal vor Tausenden Menschen gebetet für die Ukraine, jetzt zieht sich die Sängerin eine schwarze Lederjacke über und verlässt die Bühne.

Losgelassen wird sie noch nicht. Ein Mann hält ihr einen olivgrünen Stahlhelm hin, auf den sie ein Autogramm schreibt, Fans nehmen sie in den Arm, wollen sie küssen, oder zumindest, dass sie kurz posiert für ein Foto. "Ruslana, Ruslana", hört sie immer wieder die Menschen rufen und bitten. Dann steigt sie in ihr Auto und fährt davon.

Endlich ist es still, bis auf den deutschen Journalisten, der noch ein paar Fragen hat. Aber wenigstens ist sie fort jetzt vom Maidan, der Festung des Protests, ihrer täglichen Bühne. Es ist ein klarer Morgen in Kiew, der Tag bricht an, doch für die Sängerin geht jetzt erst der alte zu Ende, mit jedem Meter, mit jedem Häuserblock, den sie hinter sich lässt.

Ihr Make-up kaschiert ein wenig die Erschöpfung, sie lächelt, sie will ja nicht unhöflich sein, und ihre Stimme ist rau nach dem langen Auftritt in der nächtlichen Kälte. Es ist anstrengend, für Freiheit und eine europäische Ukraine zu kämpfen.

Gesicht der proeuropäischen Bewegung

Ruslana könnte es bei einer täglichen Stunde belassen, das würde ja reichen als symbolisches Ritual, aber sie sagt, "ich will die Bühne keine Minute verlassen, es ist wichtig, die Verbindung zu den Menschen im Publikum zu halten, ihre Energie zu bewahren in dieser Zeit, in dieser Kälte. Ich bin ja ihre Stimme."

Ruslana hat auch einen Nachnamen, Lyschytschko. So wie die deutsche Sängerin Lena noch Meyer-Landrut heißt, und doch immer nur die Lena ist. So ist Lyschytschko für Ukrainer nur Ruslana. Vor neun Jahren hat sie ihr Land stolz gemacht. In Istanbul hat sie den Eurovision Song Contest gewonnen, "Wild Dances", hieß ihr Lied damals.

Aber in diesen Tagen ist sie mehr als eine Künstlerin, die immer wieder ukrainische Volkslieder einstreut, weil die Zuhörer sie wünschen, und die beim Singen weiße Wölkchen macht. Sie macht auch viel Dampf in diesen Tagen des Aufstands gegen die Regierung. Ruslana ist so etwas wie das Gesicht der proeuropäischen Protestbewegung. Sie sagt Revolution dazu.

Seit dem 22. November steht sie jeden Tag in Kiew auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, auf der Bühne. Sie hat dafür alle Konzerte abgesagt, alle Termine, in Belgien, in der Ukraine. Sie will jetzt ganz für ihr Land da sein. Sie sagt: "Damals, bei der orangenen Revolution 2004, ging es um ehrliche Wahlen. Jetzt aber ist es, als würde das Land aufwachen. Die Menschen wollen das Schicksal entscheiden, zwischen der Zollunion mit Russland und einem Abkommen mit der Europäischen Union, es geht um zurück oder vorwärts."