Krieg in der Ukraine:Russland gibt Angriff auf Hafen von Odessa zu

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Ein Bild, das die Stadtverwaltung Odessa auf dem Messengerdienst Telegram veröffentlicht hat, soll zeigen, wie Feuerwehrleute nach dem russischen Raketenbeschuss am Samstag versuchen, Feuer auf einem Schiff zu löschen. (Foto: Odessa City Council Telegram channel/AFP)

Erst am Freitag hatte der Kreml mit Kiew ein Abkommen zum Export von Getreide getroffen. Nun ist offen, was daraus wird.

Von Frank Nienhuysen, München

Zwei Tage nach dem unterzeichneten Getreide-Abkommen hat Russland einen Raketenangriff auf den wichtigen Hafen von Odessa eingeräumt und damit Sorgen ausgelöst, dass sich die Ausfuhr verzögern könnte. Der Beschuss am Samstag gegen die strategisch wichtige ukrainische Hafenstadt hatte international Entsetzen hervorgerufen, unter anderem bei UN-Generalsekretär António Guterres. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij warf Russland einen Bruch der Vereinbarung vor, die den Export von 20 Millionen Tonnen Getreide über ukrainische Häfen ermöglichen soll.

Moskau selbst äußerte sich erst am Sonntag zu den Raketeneinschlägen, obwohl neben der Ukraine auch die UN, die USA und die Europäische Union den Angriff bereits am Samstag verurteilt und Russland zugeschrieben hatten. Auch die Türkei, die das Abkommen zwischen UN, Moskau und Kiew vermittelt hatte, zeigte sich besorgt, erklärte aber, Russland habe ihr gesagt, es habe mit dem Raketenangriff nichts zu tun. Das war allerdings falsch, wie sich am Sonntag bestätigte.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa, schrieb auf ihrem Telegram-Kanal von einem "hochpräzisen Schlag". Die Kalibr-Raketen hätten im Hafen von Odessa "ein Objekt der militärischen Infrastruktur" zerstört: ein Schiff des Militärs. Später teilte das russische Verteidigungsministerium mit, es habe ein Lager mit amerikanischen Harpoon-Raketen vernichtet. Nach dem Abkommen von Freitag dürfen Häfen überhaupt nicht angegriffen werden. Selenskij sagte, dass bei dem Angriff auf die Infrastruktur auch das Gebäude eines Kunstmuseums beschädigt worden sei.

Die Frage ist nun, ob trotzdem bald wie geplant Millionen Tonnen Getreide, die Ernte aus dem vergangenen Jahr, Richtung Afrika und Nahost ausgeliefert werden können. Dort droht ohne den Weizen aus der Ukraine eine massive Hungersnot. Selenskij, der den Angriff als "Barbarei" bezeichnete und sagte, Russland habe sich politisch bloßgestellt, hielt die geplante Getreide-Ausfuhr weiterhin für möglich. Sein wirtschaftlicher Berater Oleh Ustenko erklärte allerdings, der Raketeneinschlag zeige, dass "das alles nicht so einfach wird".

Nach seiner Rechnung könnte die Ukraine innerhalb von acht bis zehn Monaten etwa 60 Millionen Tonnen Getreide exportieren, falls die Blockade der ukrainischen Häfen jetzt aufgehoben würde - 20 Millionen aus den Silos, 40 Millionen aus der neuen Ernte.

Das Abkommen vom Freitag hatte Hoffnung auf ein Ende der Getreidekrise ausgelöst, die auch zu einer Erhöhung der Lebensmittelpreise geführt hat. Geplant ist, dass der Export von den ukrainischen Schwarzmeerhäfen von einem Koordinationszentrum in Istanbul kontrolliert wird. An der Überwachung sollen sich Vertreter der Vereinten Nationen, der Türkei, Russlands und der Ukraine beteiligen. Der vermittelnde türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte den Deal "historisch" genannt. Russlands Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte am Sonntag bei einem Besuch in Kairo, das Abkommen sei gültig und werde eingehalten.

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