Süddeutsche Zeitung

Ukraine:Was über den Raketenangriff von Odessa bekannt ist

Lesezeit: 3 min

Der ukrainische Präsident Selenskij und der griechische Premier Mitsotakis besuchen die südukrainische Stadt. Währenddessen greift Russland den Hafen aus der Luft an. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Kassian Stroh

Odessa ist leidgeprüft, was Raketenangriffe durch die russische Armee betrifft. Die Stadt am Schwarzen Meer ist wegen ihres Hafens Ziel vieler Attacken gewesen - so auch an diesem Mittwoch. Das Außergewöhnliche ist diesmal: Der Angriff auf den Hafen erfolgte, während dort der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij und der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis zu Besuch waren und der Ukrainer seinem Gast in der Nähe die Spuren und Folgen vorheriger Attacken zeigte. Nach ukrainischen Angaben starben fünf Menschen.

Zum Ende des Besuchs im Hafen habe man Sirenen und nahe Explosionen gehört, berichtete Mitsotakis: "Wir schafften es nicht, in einen Schutzraum zu gelangen." Auch Luftalarm wurde in Odessa ausgelöst.

Ungewiss ist, ob der Raketenangriff, den auch das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigt, mit dem Besuch der beiden Politiker zusammenhängt. In den zwei Jahren seit der russischen Invasion der Ukraine kam es immer wieder vor, dass ausländische Politiker-Besucher Schutz bei Luftalarm suchen mussten. Aber wohl noch nie war ein solcher Angriff derart heftig wie der heutige in Odessa.

Wusste Russland vom Besuch des griechischen Premiers?

Das ist unklar - es gilt aber als wahrscheinlich. Wenn ausländische Politiker in die Ukraine reisen, wird das üblicherweise vorher nicht öffentlich mitgeteilt, sondern meist erst mit dem Eintreffen vor Ort. Auch wenn der ukrainische Präsident durchs Land fährt, erfährt das die Öffentlichkeit meist nicht. Im Fall der Reise von US-Präsident Joe Biden nach Kiew vor gut einem Jahr ist aber bekannt, dass Russland vorab in Kenntnis gesetzt wurde - genauso wie bei den bisher sechs Besuchen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Regierung in Moskau auch bei anderen Politikern vorab über diplomatische Kanäle informiert wird. Und selbst wenn nicht, spricht einiges dafür, dass die russischen Geheimdienste Wind davon bekommen, wenn ein hochrangiger Politiker in die Ukraine fährt. Das heißt aber nicht automatisch, dass diese Information auch bis zu denjenigen Soldaten durchdringen, die letztlich eine Rakete in Richtung Ukraine abfeuern.

Was sagt die Regierung in Moskau?

Das russische Verteidigungsministerium teilt mit, man habe durch einen "hochpräzisen Raketenangriff" im Hafen von Odessa eine Halle zerstört. In dieser seien Seedrohnen zum Einsatz vorbereitet worden. Ob das stimmt, ist völlig unklar. Sicher ist nur: Die Seedrohnen sind für die russische Schwarzmeerflotte seit Langem ein großes Problem, deshalb hat sie immer wieder Schiffe von der Krim in weiter entfernte Häfen zurückgezogen. Erst am Dienstag hat die ukrainische Marine mit solchen unbemannten und ferngesteuerten Booten, die bis zu 200 Kilogramm Sprengstoff an Bord haben, vor der Krim das russische Patrouillenboot Sergej Kotow schwer beschädigt.

Als unplausibel gilt die in griechischen Medien verbreitete These, der Angriff habe Selenskijs Autokolonne gegolten - für solche Ziele eignen sich Raketen nicht.

Was sagt die EU?

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen verurteilt auf X die "niederträchtige Attacke" während des Besuchs Selenskijs und Mitsotakis' in Odessa. "Niemand lässt sich einschüchtern durch diesen neuen versuchten Terroranschlag - weder die zwei Staats- und Regierungschefs vor Ort noch das tapfere Volk der Ukraine." Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schreibt, der "rücksichtslose Angriff" zeige erneut, dass Russlands Präsident Wladimir Putin jegliche Normen missachte, sowie seine Bereitschaft zur Eskalation.

Gibt es solche Vorfälle öfter?

Ja, und auch deutsche Besucher in der Ukraine haben das schon zu spüren bekommen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste während seines Besuchs in Korjukiwka im Norden der Ukraine einen Schutzraum aufsuchen, da Luftalarm ausgelöst worden war - das war im Oktober 2022. Auch Außenministerin Annalena Baerbock hat schon Luftalarm erlebt - zum Beispiel im Januar 2023 in Charkiw. Und erst vor zehn Tagen brach sie den Besuch eines Wasserwerks in der südukrainischen Stadt Mykolajiw ab - man hatte eine russische Aufklärungsdrohne in der Luft gesichtet, die schließlich Baerbocks eilig davonfahrende Kolonne noch ein Stück weit verfolgte. Und am Abend zuvor musste sie wegen eines Luftalarms den Schutzraum ihres Hotels aufsuchen - und zwar in Odessa. Ernstere Zwischenfälle bei Politiker-Besuchen gab es bisher aber nicht.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6428473
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.