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Ukraine:Poroschenko muss um Amt bangen

Der ukrainische Präsident verliert laut Prognosen erste Wahlrunde klar gegen den Satiriker Selensky. Die Entscheidung fällt am 21. April. Zahlreiche Manipulationsvorwürfe überschatten Urnengang.

Der Komiker und Polit-Neuling Wolodymyr Selensky hat nach mehreren Prognosen die erste Runde der Präsidentschaftswahl in der Ukraine gewonnen. Er kam auf 30,4 Prozent der Stimmen und muss damit am 21. April in eine Stichwahl, ergaben Nachwahlbefragungen verschiedener Institute am Sonntag. Sein Gegner dürfte Amtsinhaber Petro Poroschenko sein, der demnach 17,8 Prozent der Stimmen erreichte. Die frühere Regierungschefin Julia Timoschenko lag mit 14,2 Prozent auf Platz drei. Sie erklärte allerdings, einer Wählerbefragung ihrer Partei zufolge hätten 27 Prozent für Selensky gestimmt, 20,9 Prozent für sie und 17,5 Prozent für Poroschenko. Entscheidend sei allein die Auszählung beglaubigter Wahlprotokolle.

Selensky kam als Quereinsteiger in die Politik. Er spielt in einer beliebten TV-Serie den Präsidenten. Wie seine Figur will er sich angeblich den Kampf gegen Korruption auf die Fahnen schreiben. Wer wegen Korruption verurteilt wird, soll seiner Meinung nach lebenslang kein öffentliches Amt mehr ausüben dürfen. Er fordert auch direkte Verhandlungen mit Russland über ein Ende des Konflikts in der Ostukraine.

Die Wahl wurde von Manipulationsvorwürfen überschattet. 35,6 Millionen registrierte Stimmberechtigte hatten die Auswahl zwischen 39 Kandidaten. Der Komiker, der keine politische Erfahrung hat, führte bereits in Umfragen vor der Wahl deutlich. Offizielle Ergebnisse werden frühestens diesen Montag erwartet. Selensky setzt vor allem auf die Unterstützung junger Ukrainer. "Heute beginnt ein neues Leben - ohne Korruption, ohne Schmiergeld", sagte er bei der Stimmabgabe.

Wahlkampf und Wahltag wurden indes von Manipulationen überschattet. Innenminister Arsen Awakow zufolge gibt es Hunderte Anzeigen zu versuchtem Stimmenkauf sowohl durch Poroschenkos als auch Timoschenkos Wahlkämpfer. Das Innenministerium erklärte kurz vor Schließung der Wahllokale, am Sonntag seien 1768 Anzeigen wegen Verletzungen des Wahlgesetzes eingegangen. Der Stab der mutmaßlichen Drittplatzierten Timoschenko erklärte, er habe zahlreiche Verletzungen festgestellt. So seien Wähler in einem Wahllokal in der Region Wolyn nach der Abstimmung in eine Wohnung geführt worden, wo sie Geld bekommen hätten.

In der Millionenstadt Dnipro, dessen Bürgermeister wie andere Stadtoberhäupter und Gouverneure Poroschenko unterstützt, soll allen Verwaltungsteilen und städtischen Unternehmen befohlen worden sein, Listen der Beamten und Angestellten samt Familienangehörigen vorzulegen - und Kuratoren zu benennen, die für die Abstimmungsergebnisse ihrer Untergebenen geradestehen, berichtete ein Aktivist der Kyiv Post.

Das Komitee ukrainischer Wähler hatte bereits vor dem Wahltag darüber berichtet, dass die Stimmabgaben von etwa 800 000 Rentnern, Behinderten und Kranken, die zu Hause abstimmen, manipuliert werden sollten. Besorgnis erregte auch die Meldung, die Zentrale Wahlkommission habe 263 000 Stimmzettel, die eigentlich für die Stichwahl am 21. April vorgesehen waren, für den Einsatz am Sonntag eingeteilt.

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