Krieg in der Ukraine:Tote und Verletzte bei massiven Luftangriffen

Krieg in der Ukraine: Bergungsarbeiten nach dem Einschlag einer russischen Rakete in der ukrainischen Stadt Saporischschja.

Bergungsarbeiten nach dem Einschlag einer russischen Rakete in der ukrainischen Stadt Saporischschja.

(Foto: Reuters)

Die russische Armee feuert mehr als 150 Raketen und Drohnen auf Ziele in der gesamten Ukraine ab. Die Flugabwehr schafft es längst nicht, alle davon abzufangen.

Von Florian Hassel, Belgrad

Bei massiven russischen Luftangriffen auf die Ukraine sind Dutzende Menschen getötet und mehr als 100 verletzt worden. Präsident Wolodimir Selenskij zufolge setzte Russland "alles ein, was es in seinem Arsenal hat": Kinschal-Überschallraketen, S-300-Raketen, Drohnen, von Tupolew-Tu-95MS-Langstreckenbombern abgefeuerte Marschflugkörper vom Typ Ch-101 und Ch-55.

Selenskij sprach von 114 Raketen und Drohnen, die Luftwaffe präzisierte, es seien 158 Raketen und Drohnen abgefeuert und 114 davon abgefangen worden. Laut Angaben ukrainischer Behörden vom Freitagabend sind mindestens 31 Menschen getötet worden und mehr als 160 wurden verletzt. Luftwaffenkommandeur Mykola Oleschtschuk zufolge waren es die massivsten Luftangriffe seit Beginn der Invasion am 24. Februar 2022. Der UN-Sicherheitsrat wollte deshalb am späten Freitagabend tagen. Die Ukraine und mehr als 30 Partnerländer hatten eine Dringlichkeitssitzung beantragt. Im Zuge der Angriffe verletzte eine russische Rakete offenbar auch den Luftraum des Nato-Lands Polen. Der polnische Generalstabschef Wiesław Kukuła teilte am Freitag in Warschau mit, die Rakete sei drei Minuten über dem Gebiet Polens geflogen.

Von Charkiw im Osten bis Lwiw im Westen wurden Angriffe gemeldet

Die russischen Luftattacken begannen kurz vor Mitternacht mit Drohnenangriffen auf die Hafenstadt Odessa. Dort starb eine Frau. In der Nacht warnte die ukrainische Luftwaffe vor anfliegenden Drohnen auf etliche Regionen und teilte zudem mit, vom Militärflugplatz Olenja in der russischen Region Murmansk seien neun Tu-95-Langstreckenbomber gestartet.

Von Charkiw im Osten über Kiew bis nach Lwiw im Westen der Ukraine meldeten Bürgermeister und Militärgouverneure in der Nacht Angriffe und Explosionen. In Charkiw meldete Bürgermeister Ihor Terechow zunächst acht Treffer, darunter mit S-300-Raketen und X-22-Marschflugkörpern. Dem Militärgouverneur zufolge schlugen Bomben an mindestens 20 Stellen ein, darunter Warenhäuser und eine medizinische Einrichtung. Ein 35 Jahre alter Mann wurde getötet. In Dnipro kamen Militärgouverneur Serhij Lyssak zufolge mindestens fünf Menschen ums Leben, als auch ein Einkaufszentrum und eine Wöchnerinnenstation getroffen wurden.

Auch Kiew wurde massiv angegriffen. Zwar schoss die Luftverteidigung Militärgouverneur Serhij Popoko zufolge mehr als 30 Raketen und Drohnen ab. Gleichwohl wurden Wohnhäuser, Warenlager, ein noch im Bau befindliches Bürohaus und eine Metrostation schwer beschädigt. In einem Warenlager im Stadtteil Podil ergriff ein Feuer 3000 Quadratmeter; es gab etliche Verletzte. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge starb mindestens ein Kiewer unter den Trümmern einer durch Raketentrümmer beschädigten Lagerhalle im Stadtteil Schewtschenko. Auch westliche Regionen und Städte meldeten Explosionen. In Lwiw wurde Bürgermeister und Militärgouverneur zufolge ein kritisches Infrastrukturobjekt ebenso getroffen wie drei Schulen und ein Kindergarten.

Die Flugabwehr habe schon "eine sehr große Zahl an Raketen verbraucht"

Die Angriffe kommen nicht überraschend. Schon im Herbst warnte Kiew, Russland habe Hunderte Raketen und Marschflugkörper sowie Drohnen aufgespart, um die Ukraine im Winter mit massiven Wellen gleichzeitig eintreffender Raketen, Marschflugkörper, Gleitbomben und Drohnen anzugreifen und so die Luftabwehr zu überwältigen. "Wir werden neue Versuche sehen, das Stromnetz und die Energieinfrastruktur der Ukraine zu treffen, um zu versuchen, die Ukraine im Dunkeln und Kalten zu lassen", sagte auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am 29. November.

Schon in der Nacht zum Mittwoch wurde die Ukraine Präsident Selenskij zufolge mit 46 Drohnen angegriffen. Im an der Front liegenden Cherson wurde ein Polizist getötet, und gut zwei Drittel der Stadt waren Selenskij zufolge ohne Strom. Selenskij dankte am Donnerstag den USA für eine neue Militärlieferung, die 54. seit Beginn des russischen Überfalls. Washington liefere unter anderem weiteren Raketen für die Luftabwehr und das Artilleriesystem Himars sowie Artilleriegranaten vom Kaliber 155 und 105 Millimeter. "Alles, was wir brauchen. Alles, was spürbar hilft."

So sind der Ukraine auch von Deutschland zur Verfügung gestellte Patriot-Luftverteidigungssysteme aus US-Produktion hocheffektiv. Dasselbe gilt für das norwegisch-amerikanische System Nasams oder das von der deutschen Firma Diehl entwickelte Iris-T-Flugabwehrsystem. Dieses arbeite "perfekt und liefere ein 100-Prozent-Resultat: Eine Rakete trifft ein Ziel", wie der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat, in einem Interview mit dem ukrainischen Dienst Nowynarnja sagte.

Allerdings verfügt die Ukraine nur über wenige dieser Systeme und hat Ihnat zufolge schon "eine sehr große Zahl an Raketen verbraucht". Zudem setzt Russland laut dem Luftwaffensprecher auch - wie in der Nacht zum Freitag - mit vierfacher Überschallgeschwindigkeit fliegende Ch-22-Marschflugkörper ein: Von mehr als 300 dieser seit Invasionsbeginn auf sein Land abgeschossenen Raketen habe die Ukraine nicht eine abschießen können, so Ihnat am Freitag.

Das Rückgrat der ukrainischen Luftverteidigung vor allem gegen Drohnen sind auch Ihnat zufolge die mittlerweile 61 allein von Deutschland an Kiew gelieferten Gepard-Flugabwehrpanzer. Deutschland übergab der Ukraine in der Woche vor Weihnachten weitere gut 30 000 Schuss für die Geparden. Zudem sollen die USA Jordanien weitere 60 Geparden abgekauft haben, die Jordanien zuvor in den Niederlanden gekauft hatte. Ende November waren diese zusätzlichen Flakpanzer allerdings Ihnat zufolge noch nicht in der Ukraine eingetroffen.

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