Kriegslage:"Wie die Lunge eines Mannes, der die Luft anhält"

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Dieses Bild einer schwer verletzten Schwangeren ging um die Welt. Die Nachrichtenagentur AP meldet nun, dass die Frau und ihr Baby gestorben seien. (Foto: Evgeniy Maloletka/AP)

Die Lage in der Ukraine ist weiter angespannt: Russland möchte wohl internationale Truppen einsetzen, und Mariupol ist noch immer eingekesselt.

Von Nicolas Freund

Am Wochenende postete der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, der 2017 einen Roman über den Krieg im Donbass veröffentlicht hatte, ein Foto auf Twitter. Es zeigt ein von Schneeresten bedecktes Feld mit ein paar kahlen Bäumen, darüber dramatische Wolkenberge und eine Wintersonne, wie in einem Gemälde Caspar David Friedrichs. Dazu schrieb er: "An diesem Abend ist die Sloboda-Ukraine so ängstlich, wie die Lunge eines Mannes, der die Luft anhält." Die Sloboda-Ukraine liegt im Nordosten des Landes und die kurze Phase des Innehaltens, die Zhadan hier beschreibt, scheint vorüber zu sein.

Weiter gekämpft wurde vor allem in den Vororten der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Die Stadtverwaltung meldete am Montagmorgen, ein Flugzeugwerk sei unter Beschuss genommen worden. Außerdem soll ein Wohnhaus getroffen und in Brand geraten sein. Mindestens ein Mensch sei dabei ums Leben gekommen, drei weitere wurden verletzt. Der seit mehreren Tagen erwartete große Angriff auf Kiew blieb trotz teils schwerer Kämpfe im Norden der Stadt bisher aus. Es wird angenommen, die Russen wollten erst eine reibungslose Kommunikation und Logistik sicherstellen. Beides hatte dem Vormarsch seit Beginn des Kriegs große Probleme bereitet. Möglicherweise warten die russischen Streitkräfte auch auf Verstärkung. Denn die Moral der bisher in dem Konflikt eingesetzten Truppen soll ebenfalls ein Problem sein. Die ukrainische Regierung behauptet, bisher seien in dem Krieg 12 000 russische Soldaten gefallen. Überprüfen lässt sich diese Zahl nicht.

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Viktor Solotow, der Chef der russischen Nationalgarde, gab allerdings zu, dass der Vormarsch nicht so schnell vorankomme, wie geplant. Das liege vor allem daran, dass die ukrainischen Streitkräfte, die er als "Nazis" bezeichnet, sich "hinter den Rücken der Zivilisten verstecken, hinter den Rücken der Alten, Frauen, Kinder, sie stationieren Feuerpositionen in Kindergärten, Schulen, in Wohnhäusern". Es gibt keine Hinweise, dass die ukrainische Armee zu solchen Taktiken greift.

Unter anderem die Forschungseinrichtung Institute for the Study of War in Washington D.C. meldet, Russland würde versuchen, mehr internationale Streitkräfte einzusetzen. So sollen Truppen aus Armenien, Bergkarabach und dem Osten Russlands verlegt werden. Neben syrischen und libanesischen Söldnern sollen auch Truppen zum Einsatz kommen, die im Syrienkrieg auf der Seite des Assad-Regimes gekämpft haben. Ob Russland sich damit gezielt auf einen befürchteten Häuserkampf in Kiew vorbereitet, oder ob einfach alle verfügbaren Truppen mobilisiert werden, ist unklar. Das Institut bezweifelt, dass diese Einheiten eine Wende in dem Krieg bringen werden. Es gibt außerdem Berichte, Russland versuche, belarussische Streitkräfte zu mobilisieren. Dies scheitere aber bisher am Widerstand innerhalb dieser Streitkräfte und an dem belarussischen Diktator Lukaschenko. Verifizieren lassen sich diese Meldungen nicht.

Trotz der anhaltenden Kampfhandlungen sollen Fluchtkorridore vereinbart worden sein

In großen Teilen des Landes gehen die Kämpfe aber auch ohne Verstärkung weiter. Im Norden Mariupols sollen russische Streitkräfte einige kleinere Orte eingenommen haben, aber nach wie vor keinen Angriff auf die Stadt gewagt haben. Der Beschuss der eingekesselten Hafenstadt wurde unterdessen fortgesetzt. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij sagte in einem Fernsehinterview, nach Angaben der Stadtverwaltung Mariupols seien bei den Angriffen bisher mehr als 2500 Menschen getötet worden. Es kursieren Luftaufnahmen und Satellitenbilder, die auch von Nachrichtenagenturen geteilt werden, auf denen große Zerstörungen in Industrie- und Wohngebieten Mariupols zu erkennen sind. Das russische Verteidigungsministerium meldete am Montagnachmittag, die Blockade der Stadt sei aufgehoben. Und die Stadtverwaltung gab bekannt, ein Konvoi von 160 Autos habe die Stadt verlassen.

Das britische Verteidigungsministerium teilte mit, Russlands Marine habe inzwischen die gesamte Schwarzmeerküste der Ukraine vom Wasser aus blockiert und das Land damit von jedem Handel über den Seeweg abgeschnitten. Auch würden von den russischen Schiffen im Schwarzen Meer aus Raketen auf Ziele in der Ukraine abgefeuert.

Trotz der anhaltenden Kampfhandlungen sollen Fluchtkorridore vereinbart worden sein, vor allem um die Städte Kiew und Luhansk, durch die Menschen die umkämpften Gebiete verlassen und Hilfsgüter transportiert werden können. Die ukrainische Vizepräsidentin Iryna Wereschtschuk teilte auch mit, es werde erneut versucht, Lebensmittel und Medikamente nach Mariupol zu transportieren. Dies sei bisher aber an dem anhaltenden Beschuss gescheitert. In den letzten Tagen war die Einrichtung solcher Korridore immer wieder an dem Nichteinhalten der vereinbarten Waffenruhe gescheitert. Die Kriegsparteien beschuldigen sich gegenseitig, die Vereinbarungen gebrochen zu haben.

Russlands Verteidigungsministerium kündigt am Montag Angriffe auf ukrainische Waffenfabriken an. In einer Erklärung werden Bürger aufgefordert, die Umgebung solcher Werke zu verlassen. Dies sei die Reaktion auf einen Angriff in Donezk, für den Moskau die Ukraine verantwortlich macht. Man werde "Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes der Ukraine außer Gefecht setzen", hieß es. Die Ukraine verneint einen Angriff auf Donezk.

Die Nachrichtenagentur AP meldete am Dienstag, eine schwangere Frau und ihr Baby, die nach einem Bombardement auf eine Geburtsklinik in Mariupol evakuiert worden waren, seien an ihren Verletzungen gestorben. Ein Bild der Schwangeren auf einer Trage ging um die Welt. Russland behauptet, in dem Krankenhaus hätten sich ukrainische "Extremisten" versteckt gehalten. Es gibt keine Belege für diese Behauptungen.

Mit großer Sorge gesehen wird unterdessen der russische Raketenangriff auf einen ukrainischen Militärstützpunkt in der Nähe der polnischen Grenze, bei dem 35 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Der stellvertretende polnische Außenminister Marcin Przydacz sagte der BBC: "Sie wollten damit eine Drohnachricht an die Nato schicken." Schon länger wird vermutet, dass Putin den Konflikt auch auf das Territorium von Nato-Staaten ausweiten könnte, was den Bündnisfall auslösen würde, oder dass er zumindest versuchen wird, die Nato zu provozieren. Przydacz fürchtet, sein "Land und einige andere sind in Gefahr, seitdem Putin versucht, die Welt zu zerstören, in der wir leben".

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