Seit vielen Wochen mehren sich für Russland die schlechten Nachrichten zum Krieg. Nun kommt eine weitere aus Moskau selbst. Hochrangige Beamte haben Kremlchef Wladimir Putin offenbar gewarnt, dass Russlands derzeit geplante Ausgaben für den Krieg in der Ukraine untragbar hoch seien und das Haushaltsdefizit gefährlich vergrößern könnten. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg und beruft sich dabei auf Quellen und Dokumente, die sie einsehen konnte.
Beamte des Finanzministeriums und der Zentralbank seien zunehmend besorgt über den Zustand der Wirtschaft und des Staatshaushalts und hätten neue Kürzungen bei den Verteidigungsausgaben vorgeschlagen, sagten die Informanten der Meldung zufolge. Aufgrund einer Spaltung unter den politischen Entscheidungsträgern bestünden aber hochrangige Beamte im Verteidigungsministerium und einige im Kreml darauf, die Militärausgaben zu schützen, schreibt Bloomberg. Quellen zufolge fordere das Verteidigungsministerium gar zusätzliche Mittel.
Putin habe Beamte des Finanzministeriums gebeten, zunächst Einsparmöglichkeiten in anderen Haushaltsbereichen zu finden, bevor man sich der Verteidigung zuwende, zitiert die Nachrichtenagentur einige der Informanten. Dem Bericht zufolge reichen auch die durch den Krieg im Nahen Osten generierten Öleinnahmen nicht aus, um die Wirtschaft in Russland zu stützen.
Nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) deutet Putins Weigerung, die Verteidigungsausgaben zu kürzen und seine Kriegsanstrengungen zu reduzieren, darauf hin, „dass er glaubt, den Krieg kurz- bis mittelfristig gewinnen zu können und dass die russische Wirtschaft bis dahin durchhalten wird“. Die ISW-Experten gehen davon aus, dass sich der Kremlherrscher „aufgrund stark übertriebener Behauptungen des russischen Oberkommandos wahrscheinlich ein falsches Bild von den Erfolgen des russischen Militärs in der Ukraine gemacht hat“.
Putins Fehleinschätzung der Lage auf dem Schlachtfeld trage vermutlich dazu bei, dass er auf hohen Kriegsausgaben beharre und den Krieg zur Erreichung seiner militärischen Ziele fortsetzen wolle, schreibt das ISW. Tatsächlich stehe Putin jedoch vor einem anderen Problem: Reduzierte Kriegsausgaben würden Teile der Front durch ukrainische Mittelstreckenangriffe und Gegenangriffe gefährden und den ukrainischen Streitkräften ermöglichen, auf ihren jüngsten Erfolgen aufzubauen.
Über russische Schwierigkeiten an der Front gibt es schon seit Langem Berichte. Das ISW gelangt nun zu der Einschätzung, dass die ukrainischen Streitkräfte die russische Offensive für Frühjahr/Sommer „bisher weitgehend gestoppt“ hätten. Nach der Analyse der Experten eroberten oder infiltrierten russische Kämpfer zwischen Dezember und Mai 40,64 Quadratkilometer Land. „Betrachtet man jedoch nur das von ihnen kontrollierte Gebiet, verloren die russischen Streitkräfte im selben Zeitraum 281,1 Quadratkilometer.“
Russland kommt an der Front in der Ukraine nicht voran
Auch aktuell können Moskaus Streitkräfte entlang der Front keine bestätigten Geländegewinne erzielen, wenngleich sie an mehreren Abschnitten nach wie vor angreifen. Dagegen gelingt es ukrainischen Soldaten, in Richtung Pokrowsk voranzukommen: Geolokalisierte Aufnahmen deuten darauf hin, dass die Landesverteidiger kürzlich nördlich von Pokrowsk Stellungen bezogen oder gehalten haben.
In der Nacht schlägt Russland dafür aus der Luft wieder massiv zu – davor hatte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij vor ein paar Tagen gewarnt. Betroffen sind mehrere Landesteile, vor allem die Metropolen Kiew und Dnipro. Von dort werden jeweils mehrere Tote und Dutzende Verletzte gemeldet. Einschläge gibt es unter anderem in Wohnhäusern. Zudem wird die Energieinfrastruktur erneut beschossen. Insgesamt setzt Russland nach ukrainischen Angaben 73 Marschflugkörper, ballistische Raketen und Hyperschallraketen sowie 656 Kampfdrohnen ein – die meisten werden abgeschossen oder abgefangen. Doch 38 Ziele werden laut ukrainischem Militär getroffen. Bei dem Großangriff seien acht Zirkon-Hyperschallraketen eingesetzt worden. Dies sei die vermutlich größte Anzahl dieser Raketen, die seit 2022 bei einem einzelnen Angriff auf die Ukraine abgefeuert worden sei, teilt ein Luftwaffensprecher mit.
Berichte über Luftangriffe kommen auch aus Russland, aber sie stehen in keinem Verhältnis zum Ausmaß des russischen Vorgehens. In der Region Belgorod soll ein Elfjähriger verletzt worden sein. Insgesamt werden 148 ukrainische Drohnen abgeschossen, wie russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau melden.
Attackiert wird unter anderem die Ölraffinerie Ilski in der Region Krasnodar in Südrussland. Der ukrainische Generalstab bestätigt das und spricht noch von weiteren Angriffen auf militärische Objekte. Ziel ist auch wieder die annektierte Halbinsel Krim. Außerdem nimmt die Ukraine erneut russische Militär- und Treibstofflogistikeinrichtungen im besetzten Gebiet Donezk ins Visier.


