Liveblog zum Krieg in der UkraineUkraine startet Gegenoffensive im Süden

Vorrangiges Ziel ist offenbar die Rückeroberung der strategisch wichtigen Stadt Cherson. Der Gaspreis an europäischen Rohstoffbörsen fällt so stark wie seit dem Frühjahr nicht. Wirtschaftsminister Habeck rechnet mit einer Beruhigung der Märkte.

Am 24. Februar 2022 haben russische Truppen die Ukraine angegriffen. Seitdem erschüttert der Krieg das Land. Die ukrainische Armee versucht, die Invasion abzuwehren. Ein Ende der Kämpfe ist nicht abzusehen. Der Krieg hat weitreichende Folgen - für die Menschen in der Ukraine, aber auch für die Versorgung der Welt mit Getreide und Erdgas oder die deutsche Energiepolitik. Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen im Liveblog. Reportagen und Analysen lesen Sie auf unserer Themenseite zum Krieg in der Ukraine.

Für den Liveblog dienen als Quellen neben unseren eigenen Recherchen Meldungen und Berichte der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters, epd, KNA und Bloomberg. Einige Informationen aus dem Kriegsgebiet lassen sich dabei nicht unabhängig überprüfen.

Wichtige Updates
Kiew erhält mehr als 500 Soldatenleichen zurück
Selenskij kündigt neue Drohnenangriffe auf Russland an
Trump: Russischer Angriff auf Kiew könnte Friedensbemühungen zurückwerfen 
Unterstützung für Sondertribunal für russischen Angriffskrieg wächst
Gefangenenaustausch zwischen Russland und Ukraine beginnt

Selenskij: Russland erwägt Angriff auf Nato-Staat von Belarus aus 

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij wirft Russland vor, Belarus tiefer in den Krieg hineinziehen zu wollen. Moskau erwäge, vom belarussischen Staatsgebiet aus den Norden der Ukraine oder ein Nato-Land anzugreifen, erklärte Selenskij über den Messengerdienst Telegram. Die Ukraine wisse von weiteren Kontakten zwischen Russland und dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, um diesen zur Teilnahme an neuen russischen Offensiven zu bewegen.

„Russland prüft Pläne für Operationen südlich und nördlich des belarussischen Territoriums“, erklärte Selenskij. Dies betreffe entweder die ukrainischen Regionen Tschernihiw und Kiew oder einen Nato-Staat. Stellungnahmen aus Moskau oder Minsk lagen zunächst nicht vor. ​Selenskij wies die Streitkräfte an, einen Reaktionsplan auszuarbeiten und die Verteidigung im Norden der Ukraine zu stärken. 
Zelenskiy / Official
We clearly understand what is being discussed between Russia and the leadership of Belarus. The Russians have recently stepped up their activity – I mean, in talks with Aleksandr Lukashenko. They want to draw Belarus much deeper into the war and launch additional aggressive operations precisely from Belarusian territory – either against our Chernihiv-Kyiv direction in Ukraine or against one of the NATO countries bordering Belarus. Of course, we will continue defending Ukraine, defending our people, Ukrainians. I instructed Ukraine’s Defense and Security Forces to prepare a response plan, and we will review and approve it at the Staff meeting. We will strengthen the Chernihiv-Kyiv direction. Our partners are also aware of what is happening and what Belarus is being pressured into. We also have Russian documents outlining targets for strikes in Kyiv and other Ukrainian cities – political and military facilities where army leadership and government officials may be located, including here on Bankova Street. They have been nursing this plan for a long time, and now, after Iran, have become active again – trying to locate us and track our movements. The same applies to other members of the Ukrainian leadership, intelligence agencies, and our special services. Some in Moscow have still failed to understand that Ukrainians will never surrender their independence. One way or another – whether on Bankova or without Bankova – we will not surrender our land, our sovereignty, or our state.
t.me

Behörden: Mindestens drei Tote bei ukrainischem Angriff auf Großraum Moskau 

Bei einem ukrainischen Angriff ​auf ​den Großraum Moskau sind ​in der Nacht zum Sonntag nach Angaben ‌russischer Behörden mindestens drei Menschen ums ‌Leben gekommen. ‌Zudem seien bei Drohnenangriffen ​zwölf Menschen verletzt worden, ​die meisten von ihnen in ‌der Nähe der Moskauer Ölraffinerie. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärt, die „Technik“ der Raffinerie ⁠sei nicht ‌beschädigt ‌worden. 

Nach Angaben der ​indischen Botschaft in Russland ist ein indischer Arbeiter ums Leben gekommen. Drei weitere seien verletzt worden. Vertreter der Botschaft seien ⁠vor Ort gewesen und hätten die Verletzten im Krankenhaus besucht. Man arbeite mit den örtlichen Behörden zusammen, um den Arbeitern die nötige Hilfe zukommen zu lassen. ​

Krim und Moskau Ziel ukrainischer Drohnenangriffe

Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die russisch besetzte Marinestadt Sewastopol auf der Halbinsel Krim sind nach Behördenangaben in der Nacht mehrere Wohnblocks und Häuser beschädigt worden. Zudem hätten Trümmer einer abgeschossenen Drohne eine Hochspannungsleitung getroffen, wodurch Stromausfälle verursacht worden seien, schrieb der Verwaltungschef der Stadt, Michail Raswoschajew, auf der Plattform Telegram. Das Kraftwerk der Stadt sei aber nicht getroffen worden.

Insgesamt seien 25 Drohnen über mehreren Stadtteilen und dem Schwarzen Meer abgeschossen worden, schrieb Raswoschajew weiter. Verletzt worden sei nach vorläufigen Informationen niemand. 

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin berichtete zudem am frühen Morgen auf Telegram, in den vergangenen 24 Stunden seien mehr als 120 Drohnen abgeschossen worden. In der Hauptstadt seien mindestens zwölf Menschen verletzt worden, vor allem Arbeiter in der Nähe einer Ölraffinerie. Mehrere Häuser seien beschädigt worden. Diese Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Im gesamten Land wurden in der Nacht nach Angaben des Verteidigungsministeriums insgesamt 556 ukrainische Drohnen abgewehrt. Das berichtete Russlands staatliche Nachrichtenagentur Tass. Die Angaben aus Moskau konnten zunächst ebenfalls nicht unabhängig überprüft werden. 
Jerrit Schloßer

Selenskij: Westliche Elektronik in russischen Waffen

Nach schweren russischen Raketenangriffen hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij gewarnt, es stecke Elektronik aus dem Westen in neuen russischen Waffen. Selenskij fordert eine Einhaltung der Techniksanktionen gegen Moskau. „Bei dem Angriff auf Kiew in dieser Woche haben die Russen Raketen eingesetzt, die in diesem Jahr hergestellt wurden“, sagte Selenskij. 

„Ohne Komponenten von Unternehmen aus Europa, Japan und den Vereinigten Staaten hätten die Russen diese Raketen einfach nicht herstellen können.“ Gleiches gelte für andere Waffen der russischen Armee bei ihren Angriffen auf ukrainische Städte. Wegen der militärischen Nutzung ist der Export von Elektronikbauteilen nach Russland verboten, solche Teile werden aber oft über Drittstaaten geschickt.
Die russischen Luftstreitkräfte nutzen Tupolew Tu-160-Langstreckenbomber als mobile Abschussplattformen, um Marschflugkörper auf Ziele in der Ukraine abzufeuern (Archivbild).
Die russischen Luftstreitkräfte nutzen Tupolew Tu-160-Langstreckenbomber als mobile Abschussplattformen, um Marschflugkörper auf Ziele in der Ukraine abzufeuern (Archivbild). AP/dpa

Kiew erhält mehr als 500 Soldatenleichen zurück

Die Ukraine hat nach Angaben aus Kiew erneut Hunderte Soldatenleichen von Russland zurückerhalten. Die sterblichen Überreste von 528 Gefallenen, bei denen es sich nach Angaben der russischen Seite um ukrainische Soldaten handeln könnte, seien Kiew übergeben worden, teilte der ukrainische Stab für Kriegsgefangenenbelange mit. Vermittelt habe das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.

Von russischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung. Allerdings hatte die staatliche Nachrichtenagentur Tass am Vortag gemeldet, dass Soldatenleichen ausgetauscht werden sollen. Moskau gebe 526 tote ukrainische Soldaten zurück und bekomme 41 russische Leichen.

Selenskij kündigt neue Drohnenangriffe auf Russland an

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij hat eine Fortsetzung der Angriffe auf die russische Ölindustrie angekündigt. Die Ukraine müsse hart und angemessen auf die Angriffe des russischen Militärs gegen Städte reagieren, sagte er in seiner abendlichen Videobotschaft nach dem russischen Luftschlag gegen Kiew mit 24 Toten. Eine erste Antwort habe es in der vergangenen Nacht gegeben, erklärte Selenskij mit Blick auf die Attacke gegen die Ölraffinerie in Rjasan. „Wir setzen die Operation fort“, fügte er hinzu.

Trump: Russischer Angriff auf Kiew könnte Friedensbemühungen zurückwerfen 

US-Präsident Donald Trump sieht die Friedensbemühungen im Ukraine-Krieg nach einem tödlichen russischen Angriff auf ein Kiewer Wohnhaus gefährdet. Bei dem Angriff auf das Wohnhaus kamen nach ukrainischen Angaben 24 Menschen ums Leben, unter ihnen drei Kinder. „Bis gestern Abend sah es gut aus, aber sie (die Ukrainer) haben einen schweren Schlag erlitten“, sagt Trump zu Journalisten auf seinem Rückflug aus China. Er habe mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping über den Konflikt gesprochen, beide Staatschefs wollten ein Ende der ​Kämpfe. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij fordert unterdessen eine Bestrafung Moskaus für den Angriff. China fordert öffentlich zwar ein Ende des Konflikts und ruft zu Diplomatie auf, gleichzeitig hilft es Russland jedoch wirtschaftlich, die westlichen Sanktionen abzufedern und so den Krieg eher durchzuhalten. 
Rettungskräfte stehen im Hof eines Wohnhauses, das nach einem russischen Angriff auf ein Wohngebiet in Kiew schwerbeschädigt wurde.
Rettungskräfte stehen im Hof eines Wohnhauses, das nach einem russischen Angriff auf ein Wohngebiet in Kiew schwerbeschädigt wurde. Evgeniy Maloletka/AP/dpa

Unterstützung für Sondertribunal für russischen Angriffskrieg wächst

Wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine unterstützen immer mehr Länder einen möglichen Sondergerichtshof für russische Führungspersonen. Bei einem Außenministertreffen in der moldauischen Hauptstadt Chișinău befürworteten 36 der 46 Europarats-Mitgliedstaaten die Einrichtung eines Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine. Sie kündigten nach Angaben des Europarates ihren Beitritt zu einem neuen, erweiterten Teilabkommen an. Zu diesen Staaten zählt auch die Schweiz.

Der Generalsekretär der europäischen Organisation mit Sitz in Straßburg, Alain Berset, nannte die Unterstützung der 36 Staaten und der EU für das Teilabkommen einen „entscheidenden Schritt in Richtung der tatsächlichen Einrichtung des Sondergerichtshofs und der Anerkennung der Verantwortlichkeiten für die Aggression gegen die Ukraine“. Das geplante Tribunal stehe für Gerechtigkeit und Hoffnung. Die Zeit, in der Russland zur Rechenschaft gezogen werde, rücke schnell näher, so Berset.
Der Gerichtshof soll eine Lücke in der Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) schließen und die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen im Ukraine-Krieg bestrafen. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha würdigte die Zustimmung in Chișinău als historischen Tag: „Wir machen Geschichte. Genau wie das Nürnberger Tribunal vor 80 Jahren wird dieser Sondergerichtshof in Den Haag Gerechtigkeit aus den Trümmern des Krieges wiederherstellen.“

Geplant ist auch eine Internationale Schadenskommission für die Ukraine. Sie baut auf ein seit 2023 bestehendes Schadensregister für das von Russland angegriffene Land auf. Dem Europarat zufolge gingen bereits mehr als 150 000 Ansprüche auf Entschädigung ein. Die Schadenskommission soll diese Ansprüche prüfen und darüber entscheiden. 

Gefangenenaustausch zwischen Russland und Ukraine beginnt

Russland und die Ukraine haben nach übereinstimmenden Angaben jeweils 205 Kriegsgefangene ausgetauscht. Es sei der erste Schritt eines größeren Austauschs von 1000 Gefangenen jeder Seite, teilte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij auf der Plattform X mit. „Wir werden weiter um jeden kämpfen, der noch in Gefangenschaft ist.“

Die heimkehrenden russischen Soldaten seien auf dem Gebiet von Belarus, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Es dankte den Vereinigten Arabischen Emiraten für die Vermittlung bei der Aktion.

Der Austausch von jeweils 1000 Kriegsgefangenen war Teil der Vereinbarung über eine dreitägige Waffenruhe vom 9. bis 11. Mai, vermittelt von US-Präsident Donald Trump. Die Feuerpause schützte vor allem die Militärparade zum russischen Weltkriegsgedenken am 9. Mai. Danach hielt Kremlchef Wladimir Putin der Ukraine vor, sie habe die Listen von Gefangenen nicht schnell genug vorgelegt. Selenskij wies dies zurück und forderte die USA als Vermittler auf, auf den versprochenen Austausch zu drängen.

Beide Seiten haben bereits Tausende Gefangene ausgetauscht. Zuletzt fand dies immer an der Grenze zwischen der Ukraine und Belarus statt. Weil An- und Abtransport der Soldaten schwierig sind, sind auch früher größere Austausche in mehrere Etappen aufgeteilt worden.

Russische Quellen sprachen laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass davon, dass auch Leichen ausgetauscht werden sollten. Moskau gebe 526 tote ukrainische Soldaten zurück und bekomme 41 russische Leichen. Bei diesen Austauschaktionen ist die Zahl toter Ukrainer in den vergangenen Jahren immer deutlich höher gewesen. Als Grund gilt, dass die russische Armee ständig vorgerückt ist und die abziehende ukrainische Armee ihre Toten oft nicht bergen konnte.

Kiew trauert nach russischem Angriff um 24 Tote

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hat den heutigen Freitag nach einem russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt zum Trauertag erklärt. Am Donnerstag hatte Russland die Ukraine mit einem der längsten Luftangriffe seit 2022 überzogen. Insbesondere Kiew attackierten die russischen Truppen mit Hunderten Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern.

Nach ukrainischen Behördenangaben wurden landesweit Dutzende Wohnhäuser beschädigt. Auch das Umland von Kiew sowie die Gebiete Charkiw und Odessa wurden schwer getroffen. 

Im Südosten Kiews wurde ein neunstöckiges Wohnhaus getroffen und gänzlich zerstört. Infolge des Luftangriffs wurden 24 Menschen getötet. Das teilte der nationale Rettungsdienst am Freitagmorgen nach Abschluss der 28-stündigen Bergungsaktion aus den Trümmern des Wohnhauses mit. Unter den Toten seien drei Minderjährige. 48 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt.
Rettungskräfte tragen eine verletzte Frau aus einem Wohnhaus, das nach einem russischen Angriff schwerbeschädigt wurde.
Rettungskräfte tragen eine verletzte Frau aus einem Wohnhaus, das nach einem russischen Angriff schwerbeschädigt wurde. Evgeniy Maloletka/AP/dpa
Laura Otter

Bericht: Drei Tote bei ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerie

Bei einem ukrainischen Drohnenangriff sind nach russischen Behördenangaben in der Stadt Rjasan mindestens drei Menschen getötet und zwölf verletzt worden. Zwei Wohnblocks und ein Industriebetrieb seien beschädigt worden, teilte der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge Pawel Malkow, Gouverneur der Region südöstlich von Moskau, mit. Bei dem Industriebetrieb handelte es sich nach Berichten auf Telegramkanälen um die Raffinerie von Rjasan, nach Branchenangaben die drittgrößte in Russland. Dort sei ein großer Brand beobachtet worden. Das Verteidigungsministerium in Moskau berichtete von einem ungewöhnlich großen Drohnenangriff der Ukraine auf viele russische Regionen in der Nacht. 355 feindliche Flugobjekte seien abgeschossen worden, hieß es. Solche Militärzahlen sind nicht im Detail zu überprüfen. 

Selenskij-Vertrauter wegen Korruptionsverdacht in U-Haft

In der Ukraine hat das Oberste Anti-Korruptions-Gericht Untersuchungshaft gegen den früheren ukrainischen Präsidialamtschef Andrij Jermak angeordnet, berichtet die dpa. Die Haft gelte für zunächst 60 Tage, Jermak habe die Möglichkeit, gegen Kaution auf freien Fuß zu kommen, teilte der Richter am Morgen mit. Jermak und fünf anderen Verdächtigen wird Geldwäsche bei einem Luxusbauprojekt vorgeworfen. 
 
Die ukrainischen Anti-Korruptionsbehörden hatten Jermak am Montag offiziell als Verdächtigen in einem Geldwäscheskandal eingestuft. Dabei geht es um ein Luxus-Wohnprojekt und eine Summe von 10,5 Millionen Dollar, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters: Zum ersten Mal betreffen Ermittlungen damit den innersten Zirkel um Selenskij. Jermak galt lange als die zweitmächtigste Person in der Ukraine und als rechte Hand des Präsidenten. Der 54-jährige frühere Filmproduzent war zudem der führende Unterhändler Kiews bei Friedensgesprächen mit Russland. Jermaks Anwalt wies die Anschuldigungen als haltlos zurück. Selenskij selbst hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert.
 
Jermak war im November zurückgetreten, nachdem Ermittlungen einer weitreichenden Operation namens „Midas“ auch in seine Richtung geführt hatten. Auslöser war ein mutmaßliches Schmiergeldsystem im Energiesektor in Höhe von 100 Millionen Dollar. Im Zentrum stand dabei Timur Minditsch, ein ehemaliger Geschäftspartner Selenskijs aus dessen Zeit in der Medienbranche. Minditsch, der nach Israel geflohen ist, weist alle Vorwürfe zurück. 

In den vergangenen Wochen hatte der Skandal neue Brisanz erhalten, als ukrainische Medien und Oppositionspolitiker mutmaßliche Abhörprotokolle von Minditsch veröffentlichten. Darin soll Reuters zufolge unter anderem von Immobilien sowie Personen namens „Andrij“ und „Wowa“ – die Kurzform von Wolodimir – die Rede gewesen sein. Für den Ruf des Präsidenten könnte sich die Angelegenheit als äußerst schädlich erweisen. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits eine Kaution von vier Millionen Dollar für ‌Jermak gefordert.
Der frühere ukrainische Präsidialamtschef Andrij Jermak steht unter Korruptionsverdacht. Ihm wird Geldwäsche bei einem Luxusbauprojekt vorgeworfen (Archivbild).
Der frühere ukrainische Präsidialamtschef Andrij Jermak steht unter Korruptionsverdacht. Ihm wird Geldwäsche bei einem Luxusbauprojekt vorgeworfen (Archivbild). Gian Ehrenzeller/KEYSTONE/dpa

Russland überzieht Ukraine mit massivem Luftangriff

Russland hat die Ukraine wenige Tage nach einer kurzzeitigen Waffenruhe mit einem der längsten Luftangriffe seit Beginn des Krieges überzogen. In der Nacht wurde landesweit Luftalarm ausgelöst, aus Kiew wurden Explosionen gemeldet. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko und dem Kyiv Independent stürzte ein Wohnhaus ein. Bislang soll es mindestens vier Verletzte geben, in den Trümmern werden Opfer befürchtet. 

Bereits am Mittwoch hatte Russland nach ukrainischen Angaben mehr als 800 Drohnen eingesetzt. Mindestens sechs Menschen wurden getötet, Dutzende verletzt. Ungewöhnlich ist, dass die russische Armee auch tagsüber etliche Luftangriffe ausführte. Gewöhnlich finden diese in der Nacht statt.

Präsident Wolodimir Selenskij bezeichnet die Angriffe als „Terror“ und verweist auf den zeitlichen Zusammenhang mit dem China-Besuch von US-Präsident Donald Trump. Er hoffe, dass Trump auf Peking einwirkt, damit China seine Unterstützung für Russlands Angriffskrieg beendet. Kremlsprecher Dmitri Peskow fordert erneut, die Ukraine solle ihre Truppen aus dem Gebiet Donezk abziehen. Kiew lehnt Gebietsabtretungen an Russland kategorisch ab.

Lettland: Drohnen-Vorfall lässt Regierung platzen

Die lettische Ministerpräsidentin Evika ​Silina hat ihre parlamentarische Mehrheit verloren. Die linke Progressive Partei entzog ihr die Unterstützung, nachdem Verteidigungsminister Andris Spruds am Wochenende entlassen worden war. Hintergrund war sein Umgang mit ​verirrten ukrainischen Drohnen, die aus Russland eingeflogen waren, ein Öllager in Lettland getroffen und Sachschäden ⁠verursacht hatten. Silina hatte ihm vorgeworfen, die Anti-Drohnen-Systeme des Landes seien nicht schnell genug eingesetzt worden.

Der Fraktionschef der Progressiven, Andris Suvajevs, forderte ​Präsident ​Edgars Rinkevics auf, umgehend Konsultationen zur Bildung einer ‌neuen Regierung aufzunehmen. Silina könne entweder zurücktreten oder ‌ein Misstrauensvotum abwarten, sagte Suvajevs. Die oppositionelle Vereinte Liste kündigte der Nachrichtenagentur BNS zufolge an, einen entsprechenden Antrag im Parlament einzubringen ​und bereit zu ​sein, die nächste Regierung zu führen. 

Silina ​erklärte auf der Plattform X, sie berate sich mit ihrer Mitte-Rechts-Partei sowie dem grünen Koalitionspartner über das weitere Vorgehen. Rinkevics wird sich dem Sender LSM ‌zufolge am Freitag mit allen Fraktionen treffen. In der Regierungskoalition gab es schon seit längerem Meinungsverschiedenheiten – ihr Fortbestand stand wiederholt auf der Kippe. Silina hatte zuvor erklärt, dass im Falle eines Austritts der Progressiven aus der Koalition eine Übergangsregierung ihre Arbeit aufnehmen werde. Lettland wählt am 3. Oktober ein neues Parlament. 

Unterdessen kündigte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij an, ‌Experten nach Lettland zu ‌entsenden, um das Land beim Schutz seines Luftraums zu ​unterstützen. Man wolle Erfahrungen austauschen und direkte Hilfe leisten, um Europas Verteidigung zu stärken, ​erklärte Selenskij. 

Slowakei schließt kurzzeitig alle Grenzübergänge zur Ukraine 

Die Slowakei hat am Mittwoch überraschend alle Grenzübergänge zur Ukraine geschlossen. Die staatliche Finanzverwaltung, die unter anderem für den Zoll zuständig ist, hatte den ungewöhnlichen Schritt mitgeteilt. In einer kurzen Pressemitteilung hieß es zunächst: „Aus Sicherheitsgründen sind heute seit etwa 15 Uhr bis auf Widerruf alle Grenzübergänge zur Ukraine geschlossen.“

Der slowakische TV-Nachrichtensender TA3 berichtete allerdings schon kurz danach unter Berufung auf die Polizei, die Übergänge seien nach etwa zwei Stunden wieder geöffnet worden. Die Schließung sei von der Ukraine ausgegangen, die slowakischen Behörden hätten darauf nach Absprache reagiert. Aus ukrainischen Quellen erfuhr der Sender schließlich, dass offenbar russische Drohnenangriffe im grenznahen Gebiet Karpato-Ukraine der Anlass für die Grenzschließung durch die ukrainischen Behörden gewesen war. 
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MeinungKrieg in der Ukraine
:Wie Putin die Ohnmacht des Westens nutzt

SZ PlusEssay von Stefan Kornelius

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