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Ukraine-Konflikt:Wenn es Nacht wird, fallen die Bomben auf Awdijiwka

Frontstadt und Sinnbild des sich dahinschleppenden Krieges: Ein Soldat geht durch die Trümmer einer zerstörten Fabrik in Awdijiwka.

(Foto: Anatolii Stepanov/AFP)

Abseits der Schlagzeilen geht in der Ostukraine das Sterben weiter, trotz Waffenstillstand. Besuch in einem europäischen Kriegsgebiet, das es nicht geben dürfte.

Als er die Explosion nebenan hörte, gefolgt von durchdringender Stille, wusste Alexander Awchutskij, dass sich wieder eine Tragödie ereignet hatte. Im von Trümmern und Granatsplittern übersäten Garten neben seinem Grundstück fand der pensionierte Brückenbauer seine Nachbarin und drei ihrer Freunde. Zwei von ihnen hatte die Wucht der Explosion den Kopf vom Körper getrennt. Es war ein Sterben abseits der Schlagzeilen, wie oft in Awdijiwka, einer Kleinstadt an der Front des unerklärten Krieges, den Russland hochgerüstet seit dreieinhalb Jahren im Osten der Ukraine führt.

Mehr als 10.000 Menschen sind in diesem Krieg gestorben, Zehntausende wurden verletzt; Hunderte von ihnen alleine in Awdijiwka. Auch Ex-Brückenbauer Awchutski ist dem Tod mehrmals nur knapp entronnen. Der Krieg steht vor den Toren der Stadt: Im früheren Industriegebiet Awdijiwkas, heute eine apokalyptischen Trümmerlandschaft, stehen sich Ukrainer und Russen oder die von Moskau ausgerüsteten Separatisten in einem zähen Grabenkrieg gegenüber - manchmal so nahe beieinander, dass "wir gegenseitig grobe Witze oder Beschimpfungen zurufen", sagt Serhij Nikolajew, Soldat der ukrainischen Armee in seiner Stellung an der Front.. Und spätestens wenn es Nacht wird und die westlichen Militärbeobachter ihre Posten verlassen, kehrt der Krieg zurück, nehmen sich Russen und Ukrainer mit den Nachsichtgeräten ihrer Scharfschützen ins Visier oder befehlen den Einsatz ihrer Artillerie.

Geht eine Granate fehl und landet in der nahen Stadt, sterben wieder Zivilisten. Das Krankenhaus dort hat nach Bombentreffern Notquartier in der früheren Wöchnerinnenstation genommen. Über 10.000 Menschen haben die Stadt verlassen, viele mit ihren Kindern. Lehrerin Marina Martschenko ist geblieben. Ein halbes Jahrhundert hat sie drei Generationen der Stadt Ukrainisch beigebracht. Jetzt kämpft sie um das Leben ihres Mannes: Der brach sich auf der Flucht in den Bombenkeller das Bein - für die Behörden ein häuslicher Unfall aus eigenem Verschulden.

Eine SZ-Reportage aus dem einzigen aktiven Krieg in Europa, dessen Ende nicht in Sicht ist.

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