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Ukraine-Konflikt:Verschärft der Kreml die Lage im Osten der Ukraine?

Was zwischen dem ukrainischen Militär und den "Protestierenden" weiter vor sich geht, weiß auch der Bürgermeister nicht: Etwa vier Kilometer südlich des Flughafens von Donezk sind alle nach Norden führenden Straßen gesperrt; am Dienstagnachmittag ist aus der Gegend des Flughafens wieder Explosionen zu hören. Das ist wenig im Vergleich zu dem, was Donezk am Tag zuvor erlebte.

Am frühen Montagmorgen brachten etwa 30 bewaffnete Separatisten den im Norden von Donezk liegenden Flughafen "Sergej Prokofjew" unter ihre Kontrolle. Der Flughafen, vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 für 200 Millionen Euro zu einem luftigen Glas- und Stahlgebäude aufgerüstet, ist einer der wichtigsten der Ukraine. Und er ist das einzige Objekt von strategischer Bedeutung, das die Kiewer Regierung in Donezk noch kontrolliert hatte.

Rebellenführer Dennis Puschilin bekräftigte am Montagabend, dass alle militärischen Aktionen der Separatisten vom "Oberkommando" befohlen würden - gleichbedeutend mit dem "Verteidigungsminister" der Separatisten, dem russischen Geheimdienstoberst Igor Girkin alias Strelkow. Hat Girkin tatsächlich den Angriff auf den Flughafen befohlen, deutet dies darauf hin, dass der Kreml die Wahl des neuen Präsidenten Poroschenko zwar rhetorisch anerkennt, aber gleichzeitig im Osten der Ukraine die Lage weiter anheizen will.

Doch anders als bisher reagiert Kiew diesmal schnell. Schon am Montagmittag setzen Kampfhubschrauber Fallschirmspringer und Scharfschützen am Flughafen ab. Von Montagnachmittag an tobt dort der Kampf. Neben zwei Kampfhubschraubern nimmt auch ein MiG-29-Jagdflugzeug Stellungen der Rebellen unter Feuer. Drei Militärlastwagen fahren mehrere Dutzend Rebellen als Verstärkung zum Flughafen. Die ukrainische Armee attackiert die Rebellen verstärkt aus der Luft: Am Montagabend ist zu sehen, wie die MiG-29 Angriffe auf Rebellenstellungen fliegt. Die Explosionen und Druckwellen sind bis tief in die Nacht noch im acht Kilometer vom Flughafen entfernten Zentrum von Donezk zu hören.

Dort, auf dem Kiewer Prospekt, liegt am Dienstag, direkt neben dem städtischen "Kinderkrankenhaus Nr.1", ein umgestürzter Militärlastwagen: "Die Banditen aus Kiew haben unsere Jungs aus der Luft bombardiert, als sie ihre Verwundeten in Sicherheit bringen wollten", sagt die neben der Unglücksstelle wohnende und mit den Separatisten sympathisierende Rentnerin Natalja Mjachkaja. Selbst gesehen hat sie freilich weder die angeblichen Verwundeten noch den Angriff selbst.

Der umgestürzte Lastwagen zeigt kaum Blutspuren. Unverwundete Kämpfer auf einem Truppentransporter aber sind in einem bewaffneten Konflikt ein legitimes Ziel. Die Separatisten erlitten hohe Verluste: Alexander Borodaj, der aus Moskau nach Donezk gekommene "Premierminister" der "Volksrepublik Donezk", spricht am Dienstag von 50 getöteten Separatisten. Über Verluste der ukrainischen Einheiten fehlen Angaben.