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Ukraine-Konflikt:Die Regierung schlägt zurück

Aftermath of fighting near Donetsk airport

In Donezk wird gekämpft, Regierungstruppen haben den Separatisten Schaden zugefügt.

(Foto: Maxim Shipenkov/dpa)

Nahe Donezk haben ukrainische Soldaten den prorussischen Separatisten die Kontrolle des strategisch wichtigen Flughafens wieder entrissen. Doch die Aufständischen besetzen weiterhin Zufahrtswege und Gebäude. Die Schlacht geht weiter.

100 Liter Blut. Das ist die Reserve, die Swetlana Lyspak, Leiterin der Blutbank der Region Donezk, zur Versorgung von Opfern der Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Separatisten bereitgestellt hat, die ihre Stadt seit Montagmittag erschüttern. 100 Liter, das reicht bei einem Verbrauch von bis zu sechs Litern Blut pro Person im schlimmsten Fall zwar nicht einmal für 20 Schwerverletzte. Aber allein am Dienstagmorgen haben sich 300 neue potenzielle Blutspender gemeldet, und so ist Lyspak für weitere Kämpfe gerüstet.

Innenminister Arsen Awakow verkündete in Kiew, die ukrainische Armee habe den am Montag von bewaffneten Separatisten eingenommenen Flughafen der Stadt zurückerobert. Und dennoch, in Donezk wird weiterhin gekämpft, die Separatisten kontrollieren den Großteil der Stadt. Die Bewohner erwarten eine größere militärische Offensive der ukrainischen Regierung, die versucht, den Südosten des Landes wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Der Bürgermeister der Stadt zeigt offen seine Sympathie für die Rebellen

Alexander Lukjantschenko ist der Bürgermeister von Donezk. Früher hat er mit dem gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch sympathisiert, noch Ende Januar haben er und sein Stellvertreter die Bürger mit Falschmeldungen über Kiewer Aktivisten erschreckt, die angeblich zu Hunderten in Autobussen nach Donezk kämen, um die Stadt zu übernehmen. Die Kiewer Radikalen kamen nie, stattdessen wird Donezk seit Anfang April von prorussischen Separatisten beherrscht, für die der Bürgermeister offen Sympathie zeigt. Erst am Samstag holte Lukjantschenko die ukrainische Flagge über dem Rathaus ein; die Chefredakteurin der Stadtzeitung übernahm gar die Pressearbeit der Rebellen.

Am Dienstag tritt Lukjantschenko zum Rapport beim Premierminister der Ukraine an - allerdings nur virtuell: Aus einem Saal der staatlichen Telefongesellschaft werden Lukjantschenko und andere Beamte per Videobrücke zur Regierungssitzung in Kiew geschaltet. Thema: die Erfüllung des Haushalts in Kiew und den Regionen. Es ist, aus Donezker Sicht, eine surreale Veranstaltung: Da lobt Regierungschef Arsenij Jazenjuk die korrekte Präsidentschaftswahl, spricht über Einsparungen und über den Streit mit Russland und die Gasversorgung. Nur zu den dramatischen Kämpfen in Donezk verliert er kein Wort.

Das erledigt, nach der Sitzung, der Bürgermeister: Bis Dienstagmorgen seien 40 Tote und 43 Verwundete in die Krankenhäuser und Leichenhallen von Donezk gebracht worden, sagt Lukjantschenko. Acht der Verletzten seien russische Staatsbürger, darunter mehrere Tschetschenen. Zwei Tote sollen Zivilisten sein, die übrigen offenbar getötete Separatisten, ein Wort, das der Bürgermeister freilich nicht in den Mund nimmt: Für ihn sind es "Protestierende".

Verschärft der Kreml die Lage im Osten der Ukraine?

Was zwischen dem ukrainischen Militär und den "Protestierenden" weiter vor sich geht, weiß auch der Bürgermeister nicht: Etwa vier Kilometer südlich des Flughafens von Donezk sind alle nach Norden führenden Straßen gesperrt; am Dienstagnachmittag ist aus der Gegend des Flughafens wieder Explosionen zu hören. Das ist wenig im Vergleich zu dem, was Donezk am Tag zuvor erlebte.

Am frühen Montagmorgen brachten etwa 30 bewaffnete Separatisten den im Norden von Donezk liegenden Flughafen "Sergej Prokofjew" unter ihre Kontrolle. Der Flughafen, vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 für 200 Millionen Euro zu einem luftigen Glas- und Stahlgebäude aufgerüstet, ist einer der wichtigsten der Ukraine. Und er ist das einzige Objekt von strategischer Bedeutung, das die Kiewer Regierung in Donezk noch kontrolliert hatte.

Rebellenführer Dennis Puschilin bekräftigte am Montagabend, dass alle militärischen Aktionen der Separatisten vom "Oberkommando" befohlen würden - gleichbedeutend mit dem "Verteidigungsminister" der Separatisten, dem russischen Geheimdienstoberst Igor Girkin alias Strelkow. Hat Girkin tatsächlich den Angriff auf den Flughafen befohlen, deutet dies darauf hin, dass der Kreml die Wahl des neuen Präsidenten Poroschenko zwar rhetorisch anerkennt, aber gleichzeitig im Osten der Ukraine die Lage weiter anheizen will.

Doch anders als bisher reagiert Kiew diesmal schnell. Schon am Montagmittag setzen Kampfhubschrauber Fallschirmspringer und Scharfschützen am Flughafen ab. Von Montagnachmittag an tobt dort der Kampf. Neben zwei Kampfhubschraubern nimmt auch ein MiG-29-Jagdflugzeug Stellungen der Rebellen unter Feuer. Drei Militärlastwagen fahren mehrere Dutzend Rebellen als Verstärkung zum Flughafen. Die ukrainische Armee attackiert die Rebellen verstärkt aus der Luft: Am Montagabend ist zu sehen, wie die MiG-29 Angriffe auf Rebellenstellungen fliegt. Die Explosionen und Druckwellen sind bis tief in die Nacht noch im acht Kilometer vom Flughafen entfernten Zentrum von Donezk zu hören.

Dort, auf dem Kiewer Prospekt, liegt am Dienstag, direkt neben dem städtischen "Kinderkrankenhaus Nr.1", ein umgestürzter Militärlastwagen: "Die Banditen aus Kiew haben unsere Jungs aus der Luft bombardiert, als sie ihre Verwundeten in Sicherheit bringen wollten", sagt die neben der Unglücksstelle wohnende und mit den Separatisten sympathisierende Rentnerin Natalja Mjachkaja. Selbst gesehen hat sie freilich weder die angeblichen Verwundeten noch den Angriff selbst.

Der umgestürzte Lastwagen zeigt kaum Blutspuren. Unverwundete Kämpfer auf einem Truppentransporter aber sind in einem bewaffneten Konflikt ein legitimes Ziel. Die Separatisten erlitten hohe Verluste: Alexander Borodaj, der aus Moskau nach Donezk gekommene "Premierminister" der "Volksrepublik Donezk", spricht am Dienstag von 50 getöteten Separatisten. Über Verluste der ukrainischen Einheiten fehlen Angaben.

Die Rebellen kontrollieren zentrale Einrichtungen

Den Tag nach der Bombennacht erleben die Bürger von Donezk nervös-gespannt. Viele Kindergärten, Schulen, Fabriken und Geschäfte sind geschlossen. Am Bahnhof der Stadt, nur wenige Kilometer vom Kampfgebiet am Flughafen entfernt, starben am Montag ein Parkwächter und eine Frau, offenbar von Granatsplittern getroffen. Der Bahnhof arbeitet weiter, doch schnell sind alle Fahrkarten für Züge nach Kiew oder Dnepropetrowsk ausverkauft.

Den Separatisten stehen in Donezk 3000 professionelle Kämpfer zur Verfügung

Der 67 Jahre alte Arzt Alexander gehört zu denjenigen, die sich in Donezk sowohl über den neuen Präsidenten Petro Poroschenko freuen wie darüber, "dass Kiew endlich gegen die von Moskau gesteuerten Banditen hier vorgeht, die uns als Geiseln genommen haben. Wäre ich jünger, würde ich selbst gern mit der Waffe in der Hand mit diesem Gesindel aufräumen". Sergej Pandschuk dagegen, ein 46 Jahre alter Maschinist, am Dienstag wie sonst auch mit dem Zug zur Arbeit im Donezker Stahlwerk DMZ gekommen, hat nichts für die Kiewer Regierung übrig. "Wenn Kiew uns vorher Autonomie und Russisch als zweite Staatssprache bewilligt hätte, wäre es hier nie zum Separatismus gekommen."

Besonders entsetzt ist Pandschuk über die Ankündigungen des frisch gewählten Präsidenten, die "Anti-Terror-Operation" im Osten der Ukraine könne statt in mehreren Monaten "in ein paar Stunden" durchgeführt werden.

Solche Rhetorik weckt nicht nur den Zorn vieler Menschen im Osten der Ukraine, sie hat auch mit der militärischen Realität wenig zu tun. Vor der Rebellenhochburg Slawjansk steckt das ukrainische Militär seit Wochen fest. Dabei stünden sie dort nur einigen hundert Rebellen gegenüber, sagt ein westlicher Fachmann. In Donezk und Umgebung aber verfügten die Rebellen laut dem Experten vor den Kämpfen am Flughafen über "schätzungsweise 3000 professionell bewaffnete Kämpfer. Etliche davon Tschetschenen, Osseten und andere Kämpfer, teils mit Waffen, die sonst nur russische Einheiten haben".

Selbst nach dem Verlust des Flughafens kontrollieren die Rebellen in Donezk nicht nur viele Zufahrtswege, sondern auch die Sitze von Verwaltung, Polizei und Geheimdienst und den zur Festung ausgebauten elfstöckigen Sitz des Gouverneurs im Zentrum von Donezk.