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Ukraine:In Trauer und Angst

Ukraine Konflikt

Stadt in der grauen Zone: OSZE-Fahrzeuge und ukrainische Panzer in Awdijiwka.

(Foto: Evgeniy Maloletka/dpa)

Der Krieg im Osten des Landes ist wieder aufgeflammt. In der besonders umkämpften Stadt Awdijiwka trennt die Feinde nur noch ein Friedhof voneinander. Über eine "kleine Schlacht".

Diese politische Nachricht erscheint vielen Ukrainern so wichtig, dass in Kiew sogar auf der Straße und in der U-Bahn darüber gesprochen wird: Präsident Petro Poroschenko, erzählt man sich, habe in Deutschland gesagt, die Ukraine wolle in die Nato. Tatsächlich hat Poroschenko in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe angekündigt, er werde eine Volksabstimmung über die Nato-Mitgliedschaft seines Landes ansetzen. Immerhin unterstützten mittlerweile 54 Prozent der Ukrainer diesen Schritt, und man solle auf sein Volk hören.

Ob das klug sei? Gerade jetzt? Das fragt eine Bankangestellte die andere, das fragen sich Soldaten in Uniform, die auf dem Weg in die Kaserne sind. Gerade jetzt - das heißt, mitten in einem neu aufgeflammten heißen Krieg an der Front in der Ostukraine, der nach ukrainischer Lesart von russischer Seite forciert wird, von russischer Seite der ukrainischen Armee angelastet wird, und für den UN wie auch OSZE beide Seiten in der Verantwortung sehen.

Der Präsident spricht nun von seinen Nato-Plänen. Trost, Wunschtraum oder Drohung?

Am Mittwoch hatte das offizielle Kiew auf dem Maidan im Stadtzentrum unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eine Trauerfeier für mehrere gefallene Soldaten abgehalten; Ausschnitte aus der Feier wurden auf allen Fernsehsendern gezeigt. Wenn der ukrainische Präsident jetzt mit der Nato droht, hat das eine hohe Symbolkraft - auch wenn die Realisierung dieses Vorhabens in weiter Ferne liegt und mutmaßlich Wunschdenken entspringt: Wir haben mächtige Beschützer, so die Botschaft an die Bevölkerung, und wir sind mit unserer Trauer und Angst nicht allein.

Die jüngste Eskalation im Osten entlang der Frontlinie, die sich 450 Kilometer vom Asowschen Meer bei Mariupol nach Norden, vorbei an Donezk, bis hinauf nach Luhansk zieht, hatte sich seit einigen Wochen aufgebaut, weil beide Konfliktparteien immer wieder innerhalb der sogenannten grauen Zone vorrückten und Geländegewinne zu machen versuchten. Als graue Zone bezeichnen Militärs das Niemandsland, in dem sich laut Minsker Vereinbarung keine Soldaten und Waffen aufhalten sollten, in dem aber durchaus Zivilisten leben.

Die derzeit besonders stark umkämpfte Stadt Awdijiwka, die zu Beginn des Krieges von den prorussischen Kräften eingenommen worden war, später aber von der ukrainischen Armee zurückerobert wurde, liegt nordöstlich von Donezk und damit in dieser grauen Zone; im Stadtgebiet befindet sich eine für die Kohleversorgung der Ukraine wichtige Kokserei. Die OSZE-Mission für die Ukraine beklagt schon seit Längerem, dass beide Konfliktparteien die Vereinbarung von Minsk unterliefen und innerhalb der grauen Zone so nah an den Feind heranrückten, dass bisweilen nur ein paar Hundert Meter ukrainische und prorussische Soldaten trennten. In Adwijiwka etwa trennt derzeit an einer Engstelle nur ein Friedhof die Gegner, der nach wie vor von Anwohnern aufgesucht wird.

Die Regierung in Kiew reklamiert, dass sich die eigenen Militärs nur auf ukrainischem Gebiet aufhielten; das Vorrücken in die graue Zone sei bisweilen nötig, um Schmuggel zu unterbinden. Anwohnern zufolge soll sich bei Awdijiwka ein Schwarzmarkt unter anderem für Nahrungsmittel entwickelt haben.

Ein Sicherheitsexperte in Kiew rechnet vor, dass die ukrainische Armee durch kleinere Geländegewinne entlang der Front insgesamt bis zu 200 Quadratkilometer zurückerobert habe. Die Auseinandersetzung rund um Awdijiwka sei in diesem Kontext eher eine "kleine Schlacht", die vor allem um die ökonomisch wichtige Kokserei geschlagen werde. Sie gehört dem ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow, der damit einige seiner Stahlwerke in Mariupol versorgt. Diese werden derzeit nur mit 20 Prozent ihrer Leistung betrieben, weil die Kokskohle aus Awdijiwka fehlt - ein Sieg für die prorussische Seite. Und noch ein Argument für die Eskalation hat der Fachmann bereit, der beim Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) eine hohe Position innehat: Wenn Soldaten nicht kämpften, kämen sie auf dumme Gedanken: "Wenn die Gefahr abnimmt, wird umso mehr getrunken."

Der Beschuss durch die prorussischen Separatisten ist massiv und besorgniserregend

Aber da gibt es auch noch die andere Konfliktpartei, von der wenig bekannt ist, weil ihre Öffentlichkeitsarbeit weit weniger vielstimmig und demokratisch ist als die in Kiew: die prorussischen Separatisten in Luhansk und Donezk. Der Beschuss ukrainischer Stellungen durch ihre Milizen ist massiv und besorgniserregend: Allein zwischen Montag und Mittwoch wurden mehrere Hundert Angriffe auf ukrainische Stellungen gemeldet, die Zahl der Toten ist am Donnerstag auf 21 gestiegen. Weil eine Wasseraufbereitungsanlage bei Donezk von den Separatisten beschossen worden war und nun Teile der Infrastruktur von Awdijiwka und umliegenden Dörfern zerstört ist, leben die etwa 20 000 Einwohner auf der ukrainischen Seite ohne Wasser und Heizung; die ukrainische Armee hat Wärme-Zelte aufgestellt, ein Reparaturtrupp wurde mehrmals beschossen. Auf Initiative von Kiew hatte eine Videokonferenz der Trilateralen Kontaktgruppe (TKG) im Rahmen des Minsk-Prozesses zur Lage in Awdijiwka stattgefunden, an der hätten aber, meldet die Ukrainskaja Prawda, nur Vertreter der Ukraine und der OSZE teilgenommen. Russland habe die Videokonferenz für "unzweckmäßig" erklärt. Ein bei Awdijiwka festgenommener Separatist, meldet die Zeitung ebenso, habe bei einem Verhör durch den SBU angegeben, dass seine Militärführung Ende Januar befohlen habe, das Industriegebiet von Awdijiwka anzugreifen.

© SZ vom 03.02.2017
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