Flüchtlinge in der Ukraine:Ukrainer vor den Ruinen ihres Lebens

Lesezeit: 4 min

Diejenigen, die arm, krank, alleinerziehend oder alleinstehend sind, die Firma oder Besitz verloren haben, deren Häuser ausgebombt wurden, sie alle stehen vor den Ruinen ihres Lebens. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind derzeit mehr als 90 Prozent der Flüchtlinge in der Ukraine bei Freunden und Verwandten untergebracht oder wohnen in Mietwohnungen, die übrigen in Flüchtlingszentren.

"Aber vielen geht allmählich das gesparte Geld aus", sagt Varvara Zhluktenko, Sprecherin der IOM in Kiew, "und durch die dramatische Abwertung der Hrywna sind die Preise für eingeführte Medikamente inzwischen dreimal so hoch wie vor einem Jahr."

Auf der Couch bei Freunden

Die immense Wirtschaftskrise mache es den Flüchtlingen zudem schwer, neue Arbeitsplätze zu finden. "Stellenangebote gibt es nur wenige, und die Löhne sind niedrig", sagt Zhluktenko. Viele der Flüchtlinge aus der Ostukraine hatten einst eine gut bezahlte Stelle in den Industriezentren im Osten, in den Stahlfabriken der lokalen Oligarchen oder in den zahlreichen Bergwerken.

Nun leben sie von Schwarzarbeit, wohnen bei Freunden auf der Couch oder in umgewidmeten Ferien- und Kinderheimen und wissen: Auch wenn der Waffenstillstand vorerst hält, ist an eine Rückkehr in die von den Separatisten besetzten Gebiete nicht zu denken. Zu viel Unsicherheit, Anarchie, Gewalt, Armut. Es gibt dort keine Arbeit, und vorerst auch keine Zukunft.

Die IOM, unterstützt von den UN, Norwegen und der EU, hilft so gut sie kann - mit Geschäftsinitiativen für Arbeitslose, Kleidung, Medikamenten, Lebensmitteln, Spielsachen, der Ausstattung von Kindergärten und Schulen. Auch das UNHCR hat etwa 23 Millionen Dollar in die Hilfe für ukrainische Binnenflüchtlinge gesteckt, doppelt so viel sei nötig, heißt es.

Problem Wahlen

Den größten Teil der Hilfe im ganzen Land leisten in der Ukraine nach wie vor Ehrenamtliche. Neben dem Engagement der Freiwilligen, der Vielen, wächst aber auch der Hass. Im Sommer veröffentlichten die UN eine Untersuchung, nach der die Ablehnung gegen die Flüchtlinge im eigenen Land rasant zunimmt; Autos mit Donezker Nummernschildern werden zerstört, Übersiedler aus Luhansk der Spionage bezichtigt.

Alex Rjabtschin, Abgeordneter der pro-westlichen Vaterlandspartei, der aus Donezk stammt, beteuert, das seien Ausnahmen. Überall liefen große Reintegrationsprogramme, und sie liefen gut. "Das nächste Problem, das wir lösen müssen, sind die Kommunalwahlen. Die Leute wollen in drei Wochen wählen, das dürfen sie als Flüchtlinge nicht. Aber die Bezirke Donezk und Luhansk gehören immer noch zur Ukraine. Also haben die Übersiedler ein Recht dazu!"

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema