Ukraine Donezk könnte ein entsetzlicher Häuserkampf bevorstehen

Rebellenführer Pawel Gubarew zum Beispiel residiert, ausgerechnet, im früheren Firmensitz von Sergej Taruta. Der ist ein Donezker Milliardär; vor ein paar Monaten machte ihn die neue Kiewer Regierung zum Gouverneur der Region Donezk. Viel zu sagen hat der Gouverneur seit seiner Ernennung freilich nicht, jedenfalls nicht in Donezk. Taruta ist meist in der Hauptstadt Kiew oder in Gebieten, die bereits wieder unter Kontrolle der ukrainischen Armee sind. In Donezk aber sind die Rebellen, und im Taruta-Firmensitz kommandiert Gubarew - ein prorussischer Ultranationalist, der sich im März zum "Volksgouverneur" ausrufen ließ und mit offensichtlicher Unterstützung aus Moskau begann, für den Anschluss der Ostukraine an Russland zu trommeln.

An diesem Nachmittag bittet Gubarew zur Pressekonferenz. Muskelbepackte Männer in der Kampfausrüstung von Eliteeinheiten bringen etliche russische und eine Handvoll westlicher Journalisten, die noch in Donezk sind, nach misstrauischer Prüfung zu Gubarew. "Unser Kampfeswille ist ungebrochen. Wir werden die Stadt verteidigen, wenn die Ukrainer angreifen. Jeden Tag kommen Hunderte Freiwillige zu uns. Jeden Tag rufen uns Dutzende ukrainische Soldaten an, die überlaufen wollen", bemüht Gubarew das Lexikon der Kriegspropaganda. Tatsächlich hat die Unterstützung der Rebellen ihre Grenzen. Als Gubarew und ein anderer Rebellenführer nach der Aufgabe von Slawjansk in Donezk zur Demonstration aufruft, kommen gerade 1000 Menschen auf den Leninplatz im Stadtzentrum und hören Gubarews Durchhalteparolen zu.

Mindestens 478 getötete Zivilisten - das übertrifft die schlimmsten Befürchtungen

Zwar werben die Separatisten mit riesigen Plakaten im Stil sowjetischer Weltkriegspropaganda um Rekruten. "Männer! Alle zur Verteidigung der Heimaterde! Lasst keine Konzentrationslager der Faschisten im Donbass zu!", barmt etwa eine Frau mit kleinem Kind hinter Stacheldraht. Auf einem anderen Plakat wirbt "Verteidigungsminister" Igor Girkin, ein russischer Geheimdienstoffizier, mit anderen "stählernen Russen" um neue Kämpfer für die "Volksmiliz Donbass". Bisher nämlich "gibt es für eine Millionenstadt sehr wenig freiwillige Milizkämpfer", wie Strelkow am Mittwoch zugab. "Acht- bis zehntausend Mann" müssten es mindestens sein - davon sind die Rebellen indes offenbar weit entfernt. Es dürften höchstens 4500 Kämpfer sein, die die Rebellen in Donezk zusammengezogen haben, schätzen mehrere informierte Einwohner.

Ob die Rebellen zudem so kampfeswillig sind, wie ihre Führer tun, ist nicht nur wegen ihres Rückzugs aus Slawjansk und anderen Städten zweifelhaft. Hunderte Rebellen sind aus Russland gekommene Söldner - ihre Lust, in einem Kampf um Donezk zu sterben, dürfte gering sein. Zudem sind die Separatisten keine einheitliche Gruppe unter einem Kommando. Da gibt es, neben der "Volksmiliz", etwa die "Rechtgläubige Armee", die "8. Kompanie" oder das "Bataillon Vostok". Jenes Bataillon zum Beispiel, das mindestens 500 Kämpfer zählen soll, gehorcht nur seinem Kommandeur Alexander Chodakowskij, Ex-Chef einer Eliteeinheit des ukrainischen Geheimdienstes. Einige in Donezk glauben, dass er und seine Männer vom nach Russland geflohenen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch finanziert werden. Andere, dass der Donezker Oligarch Rinat Achmetow dahintersteht.

Erst vor ein paar Tagen lieferten sich verschiedene Rebellengruppen einen Kampf um die Kontrolle über das Polizeihauptquartier. Nicht nur bei den Rebellen ist die Lage unübersichtlich. Zwar hat das ukrainische Militär angekündigt, die über Donezk verteilten Rebellen nicht mit Granaten oder Kampfflugzeugen zu bombardieren und damit unweigerlich auch unzählige Zivilisten zu töten. Doch "wir haben nicht die Technik und Tausende qualifizierte Spezialeinheiten, die man für einen anderen Einsatz in einer Millionenstadt braucht", gibt ein ukrainischer Offizier zu.

Schon bisher starben beim Krieg in der Ostukraine mindestens 478 Zivilisten, gab der Vize-Gesundheitsminister am Donnerstag in Kiew bekannt - diese Zahl übertrifft selbst schlimmste Befürchtungen. Dem Sprecher des nationalen Sicherheitsrates zufolge soll der Kiewer Präsident Petro Poroschenko bereits einen Plan für einen Angriff auf Donezk und Lugansk gebilligt haben. Genau davor haben viele Menschen in Donezk Angst.