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Ukraine:Demontage einer Heldin

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Nadia Sawtschenko, ehemalige ukrainische Kampfpilotin und Gefangene in Russland, ist jetzt Abgeordnete in Kiew. Und eine Kritikerin des Präsidenten.

(Foto: Pyotr Sivkov/imago/ITAR-TASS)

Die frühere Kampfpilotin Nadia Sawtschenko ist zur Kritikerin von Präsident Poroschenko geworden. Jetzt klagt Kiew sie wegen eines angeblichen Mordplans an.

Es sind keine guten Aussichten für Petro Poroschenko: Ein Jahr vor der Präsidentenwahl im März 2019 hat der Amtsinhaber angesichts etlicher Skandale nur noch knapp zehn Prozent Zustimmung. Zu denjenigen, die seine Regierung gern und laut kritisieren, gehören der frühere Gouverneur von Odessa, Michail Saakaschwili, und die Parlamentarierin Nadia Sawtschenko. Saakaschwili wurde vor einigen Wochen des Hochverrats bezichtigt und nach Polen gebracht. Jetzt ist die Reihe an Sawtschenko, bis vor Kurzem eine unangefochtene Nationalheldin. Jetzt aber soll die Heldin angeblich geplant haben, das Parlament in die Luft zu sprengen und die Staatsspitze zu ermorden. Möglicherweise wird das Parlament schon an diesem Donnerstag ihrer Festnahme zustimmen.

Nadia Sawtschenko, 36 Jahre alt, ist keine gelernte Politikerin, sondern Soldatin, genauer: die erste ukrainische Kampfpilotin. Als sie im Krieg in der Ostukraine 2014 an einem Spezialkommando teilnahm, wurde sie festgenommen, nach Russland verschleppt und in einem Schauprozess zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt. Im russischen Gerichtssaal sang Sawtschenko die ukrainische Nationalhymne, zeigte Staatsanwalt und Richter den ausgestreckten Mittelfinger. Derlei Auftreten erhob sie in der Heimat zur Nationalheldin: Als sie 2016 gegen zwei in der Ostukraine erwischte russische Geheimdienstoffiziere ausgetauscht wurde, ließ Poroschenko sie in seinem Flugzeug nach Kiew bringen und verlieh ihr den Orden "Held der Ukraine". Im Parlament nahm Sawtschenko einen seit 2014 für sie frei gehaltenen Sitz ein.

Bald aber kritisierte die oft harsch und ungezügelt auftretende neue Abgeordnete die Macht der Oligarchen, die sich unter Poroschenko fortsetzt. Sie geißelte auch kriminelle Machenschaften und mangelnden Einsatz für andere ukrainische Gefangene im Osten des Landes. Dafür traf sich Sawtschenko mehrmals sogar mit den Führern der von Kiew als "Terroristenvereinigungen" eingestuften "Volksrepubliken Donezk" und Volksrepublik Lugansk"; dabei erreichte sie die Freilassung mehrerer Ukrainer. Daraus und aus dem undurchsichtigen Waffenschmuggel eines anderen ehemaligen Offiziers strickte der eng mit dem Präsidenten verbundene Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko jetzt eine abenteuerliche Anklage.

Sawtschenko, so Luzenko, habe mit Rebellenführern geplant, das Parlament in ihre Gewalt zu bringen, Parlamentarier eigenhändig mit der Maschinenpistole niederzumähen und die Staatsführung samt Poroschenko zu ermorden. Am Mittwoch sollte das Parlament der Aufhebung der Immunität Sawtschenkos zustimmen, am Donnerstagmorgen ihrer Verhaftung. Sawtschenko kehrte trotz der Vorwürfe aus Straßburg zurück, wo sie nach eigener Aussage über Korruption in der ukrainischen Spitze berichtet habe. Nach einem Verhör beim ukrainischen Geheimdienst SBU behauptete Sawtschenko ihrerseits, der Präsidialapparat habe sie ermorden wollen, und spottete über "Poroschenkos kriminelle Regierung", angesichts derer "ein Militärputsch ein erwartbares und vielleicht sogar richtiges Ereignis" wäre.

Unabhängig vom Auftreten Sawtschenkos beurteilte die unabhängige Wochenzeitung Serkalo Nedelij die Vorwürfe gegen Sawtschenko wegen zahlreicher Ungereimtheiten als Versuch des Präsidialapparates, im beginnenden Wahlkampf mit fabriziertem Belastungsmaterial einen politisch unbequemen Kritiker mundtot zu machen. Doch das Resultat sei genau entgegengesetzt: Sawtschenko, politisch weder klug noch erfahren, sei nun "ein Fernsehstar" und könne im Falle ihrer Festnahme, eines Prozesses und einer Verurteilung sogar ein "von den Massen unterstützter politischer Häftling" und "potenzieller Führer des Protestes" gegen Poroschenko werden.

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