Außenministerin in der Ukraine:"Sinnbild für den absoluten Irrsinn des russischen Angriffskriegs"

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Außenministerin Annalena Baerbock wird in Charkiw von ihrem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba begleitet. (Foto: Xander Heinl/photothek/imago)

Annalena Baerbock besucht erstmals seit Kriegsbeginn die Ostukraine. Umgeben von Ruinen sagt sie in Charkiw weitere Hilfen zu. Doch ihre Gastgeber machen klar, was sie sich vor allem wünschen.

Von Paul-Anton Krüger, Charkiw

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat der Ukraine bei einem Besuch am Dienstag fortwährenden Beistand zugesichert. Die Menschen in allen Teilen der Ukraine, "von Charkiw über Cherson bis Kiew", sollten wissen, dass sie sich auf die Solidarität und Unterstützung Deutschlands verlassen können, sagte Baerbock in Charkiw. Ausdrücklich nannte sie auch weitere militärische Unterstützung. In der Region zeige sich, wie wichtig es sei, dass die Ukraine Gebiete von der russischen Besatzung befreien könne.

Konkret kündigte sie an, die Bundesregierung werde 20 Millionen Euro zur Beseitigung von Minen und Munitionsresten zur Verfügung stellen und weitere 20 Millionen Euro zur Versorgung mit Internetanschlüssen über das satellitengestützte Starlink-System. Damit können 10 000 Bodenstationen finanziert werden, von denen ein Drittel dem ukrainischen Militär zugute kommen soll.

Es war Baerbocks dritte Reise seit Beginn des russischen Angriffskrieges in das Land und die erste einer westlichen Außenministerin nach Charkiw, der im Nordosten gelegenen zweitgrößten Stadt des Landes. Ihr Kollege Dmytro Kuleba, der sie begleitete, dankte Baerbock; sie habe Charkiw zurück auf die diplomatische Landkarte gebracht. Baerbock sagte, die Stadt sei "Sinnbild für den absoluten Irrsinn des russischen Angriffskriegs" und das Leid der Menschen. Zugleich stehe Charkiw für den Mut der Ukrainerinnen und Ukrainer, sich der russischen Aggression zu widersetzen.

Russische Truppen hatten Charkiw, das nur etwa 40 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, monatelang belagert, bombardiert und mit Artillerie beschossen und dabei Hunderte Zivilisten getötet. Russische Soldaten waren bis in Außenbezirke der Stadt vorgedrungen, bis das ukrainische Militär die Region im vergangenen Herbst befreien konnte.

Verkohlte Ruinen zeugen bis heute von den schweren Angriffen

Kuleba führte Baerbock mit dem Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, und dem Gouverneur der gleichnamigen Oblast, Oleh Synehodow, in ein Umspannwerk in einem Vorort, das russische Truppen mit Raketen zerstört haben. Wenn es nicht gelinge, die Stromversorgung nach solchen Attacken binnen weniger Stunden wiederherzustellen, würden bei den herrschenden Temperaturen von minus zehn Grad am Tag auch Wasser- und Wärmeversorgung einfrieren, erklärte der Gouverneur. Derzeit müssen die Bürger der Stadt mit rollierenden Abschaltungen leben.

Man sehe "praktisch an jeder Straßenecke tiefe Spuren der russischen Zerstörungswut", sagte Baerbock, die sich im Stadtteil Saltiwka ein Bild von den schweren Schäden machte. Das zu Sowjetzeiten errichtete Wohnviertel mit Plattenbau-Hochhäusern im Nordosten der Stadt war der Front am nächsten. Verkohlte Ruinen zeugen von den schweren Angriffen. Alleine in dem Viertel wurden 8000 Wohnungen zerstört. Dennoch wohnen weiter Menschen in den von Granat- und Raketentreffern gezeichneten Gebäuden. Insgesamt musste etwa ein Drittel der einst 1,5 Millionen Bewohner von Charkiw wegen der russischen Angriffe fliehen.

Baerbock sagte, sie sei gekommen, um den Bewohnerinnen und Bewohnern zuzuhören, die der Krieg in diesem bitterkalten Winter "so hart trifft, dass wir uns das gar nicht vorstellen können". Ausführlich sprach sie mit Mitarbeiterinnen eines Kinderkrankenhauses sowie dort in Behandlung befindlichen Kindern und deren Eltern, besuchte eine Wärmestube und tauschte sich mit Schülerinnen und Schülern aus, die Deutsch gelernt hatten.

Von Kiew nach Charkiw reiste Baerbock im regulären Intercity

Nur wenige Tage vor Baerbocks Reise hatte die Bundesregierung bekannt gegeben, der Ukraine im Verbund mit den USA und Frankreich erstmals Panzer westlicher Bauart zu liefern. Aus Deutschland soll Kiew im Laufe des ersten Quartals 40 Schützenpanzer des Typs Marder erhalten. Kuleba sagte, er erhoffe sich von der möglichen Lieferung von Kampfpanzern des Typs Challenger durch Großbritannien einen Anstoß für andere Länder. Die Bundesregierung wisse im tiefsten Inneren, dass diese Entscheidung kommen müsse. Baerbock sagte lediglich, dass die Bundesregierung kontinuierlich mit den westlichen Partnern die Militärhilfe für die Ukraine evaluiere.

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Baerbock betonte zudem die Winterhilfe, die westliche Staaten bereitstellen, seit Russland im Oktober begonnen hat, systematisch die zivile Infrastruktur der Ukraine mit Raketen und Drohnen zu zerstören. Generatoren und Transformatoren sollen dazu beitragen, die Stromversorgung instand zu setzen.

Baerbock war von Polen aus in der Nacht zum Dienstag mit dem Zug nach Kiew gereist, wo Kuleba sie begrüßte. Mit einem regulären Intercity setzte sie die Reise in den Nordosten des Landes fort. Der Besuch in Charkiw war aus Sicherheitsgründen nicht vorab bekannt gegeben worden. Allein am Montag war sieben Mal Luftalarm ausgelöst worden, auch während ihres Aufenthaltes gab es Alarm.

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