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Überwachung:Rosenkrieg mit anderen Mitteln

Wie Israelis ihre untreuen Partner ausspähen.

Geht der Partner fremd? So ein Verdacht wiegt schwer, die Beweisführung ist schwierig. Klar, das Mobiltelefon kann Aufschluss geben. Sind da verdächtige Nachrichten, häufige Anrufe einer gewissen Person oder gar kompromittierende Fotos? Aber um die zu finden, muss man das Gerät zu fassen bekommen, möglichst so, dass es der Partner nicht merkt. Und wie war noch gleich der Code, mit dem der Gatte oder die Gattin das Telefon gesperrt hat?

In Israel sparen sich immer mehr Menschen die Schnüffelei, oder genauer: Sie lassen schnüffeln. Und greifen dabei auf Software zurück, die eigentlich dafür gedacht war, Terroristen zu bekämpfen und Kriminelle abzuschrecken. Mindestens fünf Mal pro Woche sei er mit der Anfrage konfrontiert, ob er das Handy des Partners aus der Ferne auskundschaften könne, erzählt Avi Dor, ein auf Scheidungen spezialisierter Detektiv. Seine Arbeit bestehe inzwischen hauptsächlich darin, die Geräte vermeintlich untreuer Menschen mit Spähsoftware zu infiltrieren.

Das Angebot solcher Programme ist in Israel besonders groß. Die große Politik strahlt hier ins Privatleben ab: Israels Geheimdienst Mossad ist weltweit für seine Spionage berühmt. Auch die Armee des Landes unterhält Soldaten, die sich mit der Informationsbeschaffung im Netz und dem Auskundschaften von Handys beschäftigen - die besten dienen in der geheimen Eliteeinheit 8200, die im Ausland kaum bekannt ist. In Israel aber bildet sie das wichtigste Reservoir für die boomende Start-up-Szene. Mehr als 6400 aufstrebende junge Firmen sind in dem Land gelistet, etwa ein Drittel beschäftigt sich mit dem Thema Cyberüberwachung. Jedes Jahr kommen Dutzende hinzu.

Ihre Erzeugnisse sind eigentlich für Sicherheitsbehörden und Geheimdienste gedacht, zur polizeilichen Ermittlung oder Spionageabwehr. Aber inzwischen findet Schnüffelsoftware immer mehr Abnehmer im kommerziellen und privaten Bereich. Wirtschaftsunternehmen überwachen ihre eigenen Mitarbeiter oder spähen die Konkurrenz aus. Und Eheleute wollen sich eben mit digitalen Beweisen für teure Scheidungsprozesse wappnen.

Dabei gibt es auch in Israel das Recht auf den Schutz der eigenen Daten. Einzig zur Überwachung der eigenen Kinder ist es gestattet, Überwachungssoftware auf Mobiltelefonen zu installieren.

Im Alltag geben sich die Anbieter allerdings keine große Mühe, ihre wahre Zielgruppe zu verschleiern. In einer viel beachteten Recherche für die Zeitung Haaretz erkundigte sich der Reporter Hilo Glazer in mehreren Geschäften, offline wie online, nach Möglichkeiten, seine Partnerin auszuhorchen. Man gab ihm bereitwillig Auskunft, wie deren Mobiltelefon am besten zu infiltrieren sei. Und ein früherer israelischer Geheimdienstoffizier führte in einem Video des Magazins Forbes stolz seinen voll ausgestatten Überwachungsbus vor, mit dem es möglich sei, Chats und Telefonanrufe im Umkreis von einem halben Kilometer empfangen zu können. Während man für diese mobile Überwachungseinheit schon fünf Millionen Dollar hinlegen muss, ist die Spähsoftware zur Überwachung des vermeintlich untreuen Partners in Israel deutlich günstiger zu haben: Mit 20 Dollar ist man dabei.

© SZ vom 09.03.2020
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