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Überblick:Mehr als 100 Journalisten im Gefängnis

Die von Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan immer autoritärer regierte Türkei gilt als eines der Länder, in dem weltweit die meisten Journalisten inhaftiert sind. Nach dem Putschversuch haben die Behörden weit mehr als 100 Journalisten in Gewahrsam genommen und zahlreiche Aktivisten verhaftet. Auch mehrere Zeitungen und Sender ließen die Behörden schließen. Ein Überblick über bekannte Fälle:

Taner Kılıç: Der Vorsitzende der türkischen Sektion von Amnesty International stand gemeinsam mit dem deutschen Menschenrechtler Peter Steudtner in Istanbul vor Gericht. Anders als dieser muss der türkische Staatsbürger allerdings weiter in Untersuchungshaft bleiben, da er in einem weiteren Verfahren in Izmir angeklagt ist. Anfang Februar kippte ein Istanbuler Gericht seine eigene Entscheidung für eine Haftentlassung.

Kılıç war Anfang Juni zusammen mit anderen Anwälten in Izmir festgenommen worden, die ebenfalls im Verdacht stehen, zur Gülen-Bewegung zu gehören. Dass Kılıç auch in dem Prozess gegen Steudtner und andere Menschenrechtler in Istanbul angeklagt ist, begründet die Justiz damit, dass er von dem Workshop wusste, an dem die Aktivisten vor ihrer Festnahme teilgenommen hatten.

Kılıç wird vorgeworfen, die verschlüsselte Messaging-App ByLock auf seinem Smartphone gehabt zu haben, was er entschieden bestreitet. ByLock wurde laut den Behörden von der Gülen-Bewegung für die Planung des gescheiterten Militärputsches verwendet und wird als ausreichender Beweis für die Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung gewertet. Laut Amnesty haben zwei Untersuchungen gezeigt, dass Kılıç die App niemals auf seinem Telefon installiert hatte.

Mehrere Mitarbeiter der regierungskritischen türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet": Teilweise sitzen die Journalisten seit etwa einem Jahr hinter Gittern. Obwohl einzelne Cumhuriyet-Mitarbeiter inzwischen aus der Haft entlassen wurden, ist die Führung der Zeitung - Chefredakteur Murat Sabuncu, Herausgeber Akın Atalay sowie der bekannte Investigativjournalist Ahmet Şık und der Buchhalter Emre İper - immer noch im Gefängnis. Den insgesamt 17 Angeklagten im Prozess drohen teilweise mehr als 40 Jahre Gefängnis. Auch gegen den inzwischen in Deutschland lebenden ehemaligen Chefredakteur Can Dündar läuft derzeit noch ein Verfahren.

Den Journalisten und Mitarbeitern der Tageszeitung wird unter anderem vorgeworfen, die Gülen-Bewegung sowie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu unterstützen. Die beiden Organisationen stehen auf entgegengesetzten Seiten des politischen Spektrums, gelten aber beide in der Türkei als Terrorgruppen.

Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in der Türkei in ständiger Angst. Ausländischen Journalisten wird mitunter die Einreise verweigert.

© SZ.de/odg/spes/liv/cat/dit/lalse

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