TV-Runde der Spitzenkandidaten in Hessen:Bouffiers Pointe beim Wer-mit-wem-Spiel

Lesezeit: 5 min

Fernsehduell vor Hessischer Landtagswahl

Die Diskussion der Spitzenkandidaten in Hessen - vier Tage vor der Landtagswahl. Mit dabei sind (v.l.) Janine Wissler, Linken-Fraktionschefin, Grünen-Landeschef Tarek Al-Wazir, Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), sein SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel und FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn.

(Foto: dpa)

Hessens Ministerpräsident pflegt in der TV-Spitzenrunde seinen onkelhaften Wahlkampfstil. SPD-Kontrahent Schäfer-Gümbel fährt gut damit, nicht zu attackieren. Nur der Grüne Al-Wazir und FDP-Mann Hahn triezen sich immer wieder mal. Interessanter ist aber, was nach der Sendung passiert.

Von Oliver Klasen

Es kann kein gutes Zeichen für eine TV-Politikerrunde sein, wenn der interessanteste Satz außerhalb der Diskussion fällt. Besonders nicht, wenn sich die Spitzenkandidaten der großen Parteien kurz vor einer Wahl zum Streitgespräch treffen, wie an diesem Abend in Hessen. Aber bei der Diskussion, die am Abend um 20.15 Uhr im Hessischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, war es nun einmal genau so.

"Von denen kenne ich nur das Programm, das ist im Rahmen der Demokratie und deshalb schließe ich nichts aus", sagte Volker Bouffier, der Ministerpräsident von der CDU. Bezogen war dieser Satz auf die Alternative für Deutschland (AfD), jene populistische Bewegung, die Deutschland am liebsten vom Euro befreien möchte.

Von einem Journalisten war Bouffier nach Koalitionsmöglichkeiten gefragt worden. Die Linke lehne er ab, weil sie "in Teilen in dieser Verfassung nicht angekommen ist". Von der AfD kenne er die Personen nicht, die in Hessen kandidierten, er kenne nur das Programm. Dann folgte besagter Satz.

Ein Satz, der nicht nur deshalb pikant ist, weil die Bundes-CDU erst vor einigen Tagen jegliche Zusammenarbeit mit den Eurokritikern explizit ausgeschlossen hat. Sondern auch, weil Bouffier ihn ohne jede Not angebracht hat. Ein unbedachter Versprecher offensichtlich. Denn es ist wenig wahrscheinlich, dass Bouffier nach dem 22. September - an dem nicht nur die Bundestagswahl, sondern auch die Landtagswahl in Hessen stattfindet - in Versuchung kommt, über eine Kooperation mit der AfD nachzudenken. Die Eurokritiker stehen letzten Umfragen zufolge bei drei Prozent und würden damit den Einzug in den Landtag in Wiesbaden klar verfehlen.

Das große Thema: Wer mit wem?

"Aber die Frage stellt sich nicht", sagt Bouffier dann noch, aber da ist sein Satz schon in der Welt. Weil die TV-Diskussion bereits am Mittag aufgezeichnet wurde, wird Bouffiers Äußerung bereits publik, bevor die TV-Sendung begonnen hat. Via Twitter verbreitet sie sich schnell. Diesen Kanal nutzt auch Bouffiers Sprecher später, um zu relativieren: "Es gibt keine Koalition mit der AfD", schreibt er.

Wer mit wem? Und wer mit wem auf keinen Fall? Das ist das große Thema im hessischen Wahlkampf, der ansonsten ein eher stiller Wahlkampf ist. Einerseits, weil er von der Bundestagswahl überlagert wird. Andererseits, weil es Ministerpräsident Bouffier - genau wie Kanzlerin Merkel - vorzieht, der Auseinandersetzung möglichst auszuweichen, oder, wie es der hessische Grünen-Chef Tarek Al-Wazir in der TV-Runde mehrfach ausdrückt, "den lieben Onkel" gibt.

Dass die Koalitionsfrage in Hessen ein wichtiges Thema ist, ergibt sich aus der Geschichte. 2008 hatte SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti versucht, sich entgegen ihrer Wahlversprechen von den Linken zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Sie scheiterte, weil ihr vier Abweichler die Stimme verweigerten.

Gemessen daran nimmt die Koalitionsfrage in der Sendung sogar relativ wenig Raum ein. SPD-Spitzenmann Thorsten Schäfer-Gümbel wiederholt seine von Kritikern als zu wenig konkret empfundene Distanzierung von den Linken ("Ich sehe keine inhaltliche Basis für eine Zusammenarbeit") und reduziert die Entscheidung auf ein Duell: "Herr Bouffier oder ich". Der Ministerpräsident selbst redet in der Diskussion fast gar nicht über Koalitionen, sagt nur kurz, dass er Schwarz-Gelb anstrebt und bringt dann die Binsenweisheit, dass alle demokratischen Parteien prinzipiell gesprächsbereit bleiben müssen. Nur FDP-Mann Jörg-Uwe Hahn warnt vor der "postkommunistischen Truppe" von Linken-Spitzenkandidatin Janine Wissler.

So weit, so erwartbar. Garniert wird das Ganze von einigen blumigen Vergleichen. Moderator Thomas Kreuzmann will etwas über angebliche Annäherungsversuche der SPD an die Liberalen wissen und fragt Schäfer-Gümbel, ob er dessen Verhalten mit einem "liebeskranken Stalker" vergleichen könne. FDP-Mann Hahn wirft der Konkurrenz vor, ihn ins "rot-grüne Bett holen zu wollen" und Grünen-Chef Al-Wazir behauptet, wer Linke oder Piraten wähle, könne am Ende der Nacht "mit Herrn Bouffier aufwachen". "Verdammt viele Bett- und Schlafmetaphern", findet der Grüne dann selbst.

Hahns Liebe zum Plusquamperfekt

Interessant wird es noch kurz bei der Frage nach einer Leihstimmenkampagne der FDP. Die Liberalen auf Bundesebene haben eine solche Kampagne angekündigt, mit der sie bürgerliche Wähler ansprechen, die eine schwarz-gelbe Koalition wollen. Hahn verteidigt diese Strategie, obwohl sie vielen Unionspolitikern missfällt, und die Bayernwahl, bei der die FDP mit gut drei Prozent gescheitert ist, verlegt er sprachlich weit nach hinten und nutzt das Plusquamperfekt. "Das war eine Schlappe gewesen", sagt Hahn.

Als Bouffier von den Moderatoren gefragt wird, ob er Mitleid mit dem kleinen Koalitionspartner habe, verneint er. "Im Wahlkampf sind die Parteien Konkurrenten", sagt der CDU-Mann. Sein Mitleid beschränkt sich an diesem Abend darauf, eine Krawatte zu tragen, die mit einigem guten Willen leicht ins Gelbe tendiert.

Lange streiten die fünf Kontrahenten um den Frankfurter Flughafen. Wichtig schon deshalb, weil er Zehntausenden Menschen in der Rhein-Main-Region Arbeit gibt und weil er andererseits Zehntausende andere Menschen mit Lärm belastet. Es geht um eine neue Landebahn, um ein neues Terminal und die Frage, ob ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr oder von 23 bis 5 Uhr gelten sollte.

Vor allem aber streiten die fünf Politiker um die Frage, um welche Zielgruppe man sich nach der Wahl am meisten kümmern müsse. Schäfer-Gümbel stellt sich als sozial engagierten Kümmerer dar, weil er neulich "mal nicht die Manager und die Piloten" auf dem Flughafen besucht habe, sondern die "Reinigungskräfte, die maximal 1500 Euro brutto verdienen". FDP-Spitzenkandidat Hahn dagegen findet es gerade gut, "dass der Flughafen auch vielen niedrigqualifizierten Arbeitnehmern einen Job bietet". Und auch die Linken-Vertreterin Wissler wird vom Moderator gefragt, warum sie denn gegen eine neue Landebahn sei, wo sie damit doch nur die Villenbesitzer schone, die ihre Ruhe haben wollten.

Hervorragend? Ganz Okay? Oder für wenige gut, für viele schlecht?

Es werden dann einige Fragen angeschnitten, bei denen die Regierung in Wiesbaden mangels Zuständigkeit wenig ausrichten kann. Das Erneuerbare Energien-Gesetz und die Strompreise zum Beispiel, oder die Pkw-Maut, die Bouffier, entgegen der Ablehnung von Merkel noch einmal verteidigt. Klassisch landespolitische Themen wie die Bildungspolitik oder die innere Sicherheit werden gar nicht oder nur sehr indirekt angesprochen.

Immerhin zanken sich die Politiker dann noch ein bisschen, wie Hessen derzeit wirtschaftlich dasteht. Hervorragend, finden Bouffier und Hahn. Ganz okay, aber nicht weil Schwarz-Gelb an der Macht ist, finden Schäfer-Gümbel und Al-Wazir. Für wenige gut, für viele schlecht, findet Wissler.

Auffällig ist, dass selbst hier die Diskussion relativ sachlich abläuft. Bouffier redet, wie meist üblich, lange und bedächtig, für einen kurzen Moment formen sich seine Hände gar zu einer Merkelraute. Schäfer-Gümbel hält zwar argumentativ dagegen, verkneift sich aber direkte Angriffe - eine Strategie, mit der er diesmal, anders als im direkten Duell mit Bouffier vergangene Woche, relativ gut fährt. Nur Hahn führt eine Mini-Fehde mit Al-Wazir und wirft ihm vor, "in unerträglicher Weise zu polemisieren".

Am Ende versuchen die Moderatoren ein Spiel, das so ähnlich immer bei "Hart, aber fair", der Diskussionsrunde von Frank Plasberg im Ersten gemacht wird. Jeder der fünf Politiker muss einen halb fertigen Satz vervollständigen, und dabei etwas Positives über einen politischen Gegner sagen.

Bouffier soll sagen, worum er Schäfer-Gümbel beneidet. Er beantwortet die Frage nicht richtig, sagt nur, dass er sich freut, "dass Schäfer-Gümbel eine glückliche Familie hat, so wie ich ja auch". Trotzdem kommt er dabei freundlich rüber, ungefähr so, wie der "Onkel", als den ihn Al-Wazir zuvor beschrieben hat.

Vielleicht hätte er der Koalitionsfrage des Journalisten im Anschluss an die Diskussion genauso ausweichen sollen.

Nachtrag: Inzwischen hat Bouffier eine Koalition mit der AfD auch persönlich ausgeschlossen. "Es gibt keine Koalition mit der AfD", sagte Bouffier am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin. Er gebe sein "uneingeschränktes" Ehrenwort, dass in Hessen kein Bündnis mit der eurokritischen Partei geben werde.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema