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TV-Duell zur Europawahl:Schulz kämpft mit Wucht - Juncker kontert mit Humor

TV-Duell: Martin Schulz gegen Jean-Claude Juncker

Die TV-Moderatoren Peter Frey (ganz links) und Ingrid Thurnher (ganz rechts) mit den Duellanten Martin Schulz (Mitte links) und Jean-Claude-Juncker (Mitte rechts).

(Foto: dpa)

Mann gegen Mann um die Spitze Europas: Martin Schulz und Jean-Claude Juncker suchen im TV-Duell zur Europawahl den Konflikt. Häufig finden die Spitzenkandidaten von Sozialdemokraten und Konservativen stattdessen Einigkeit. Und doch kracht es - auch wegen der Moderatoren.

Martin Schulz liebt den Fußball. Als B-Jugendlicher war er westdeutscher Vizemeister mit Rhenania Würselen. An diesem Donnerstagabend, einem historischen für Europa, geht der Deutsche in den Zweikampf, Mann gegen Mann. Im Weg steht ihm Jean-Claude Juncker aus Luxemburg. Beide sind Spitzenkandidaten für die Europawahl am 25. Mai: Schulz für die Sozialdemokraten, Juncker für die Konservativen. Beide wollen den Sieg - und anschließend EU-Kommissionspräsident werden. Regierungschef für etwa eine halbe Milliarde Menschen, wenn man so will.

Es wäre das erste Mal, dass eine Wahl über die Vergabe dieses Postens bestimmt - bislang wurde sie im Hinterzimmer der Staats- und Regierungschefs ausgekungelt. Und es ist das erste Mal, dass sich die Spitzenkandidaten in einem TV-Duell begegnen. Zur besten Sendezeit: ZDF und ORF übertragen live. Zu einer Zeit, zu der sonst Spielfilme gezeigt werden oder das Finale der Fußball-Champions-League, heißt es jetzt: Schulz gegen Juncker.

Für die medial stets unterbelichtete Europapolitik ist es eine große Chance. Schulz, seit 2012 Präsident des Europäischen Parlaments, wirkt entschlossener, daraus einen Treffer zu machen. Er entwickelt mehr Wucht. Das zeigt sich besonders, als ihn die Moderatoren Peter Frey vom ZDF und Ingrid Thurnher vom ORF zum Freihandelsabkommen zwischen EU und USA (TTIP) befragen.

Europawahl Spitzenduell ohne Spitzen

TV-Debatte zwischen Juncker und Schulz

Spitzenduell ohne Spitzen

Die Krise in der Ukraine, die Brüsseler Bürokratie, Chlorhühnchen aus den USA: Beim ersten TV-Duell zweier Spitzenkandidaten für die Europawahl stimmen der Konservative Juncker und der Sozialdemokrat Schulz in wichtigen Punkten überein. Sie streiten dann auch über ein Thema, in dem sie eigentlich einer Meinung sind.   Das TV-Duell zum Nachlsesen. Von Kathrin Haimerl, Michael König und Lilith Volkert

Das Freihandelsabkommen ist für viele Wähler das entscheidende Thema im Wahlkampf. (Mehr zu den Hintergründen in diesem Artikel.) ZDF und ORF heizen die Diskussion mit einem Beitrag an, in dem sie vor amerikanischen "Chlor-Hühnchen" warnen, die dank TTIP bald auf deutschen Tellern landen könnten.

  • Schulz betont seinen Führungsanspruch. Er werde den Schutz europäischer Verbraucherschutz-Standards "zur Chefsache machen" erklärt er. Das Freihandelsabkommen sei an sich ein "logischer Schritt", doch es werde von Großkonzernen als "Waffe missbraucht". Mit ihm, sagt Schulz, werde es in Europa "keine Chlor-Hühner geben".
  • Juncker ist weniger offensiv. Er sei "erstmal dafür", das Freihandelsabkommen abzuschließen. Jeder Europäer habe dadurch mehr Kaufkraft, sprich: mehr Geld im Portemonnaie. Aber: "Soziale Standards dürfen nicht abgesenkt werden. Lebensmittelstandards dürfen nicht abgesenkt werden." Die Moderatoren haken nach: Und was ist mit den Chlor-Hühnchen? Juncker reagiert mit dem feinen Humor, für den er bekannt ist: "Die Hühner wollen das auch überhaupt nicht."
  • Fazit: Leichter Vorteil für Schulz. Bei ihm klingt die Botschaft - TTIP ja, aber mit strengen Auflagen - prägnanter, griffiger. Juncker laviert zu Beginn, wird dann deutlicher. Anders als Schulz nimmt er das Thema zum Anlass für eine Anspielung auf die NSA-Affäre: Die Amerikaner müssten "uns zuhören, statt uns abzuhören".

Viel Raum in der Debatte nimmt die Ukraine ein. Die russische Annexion der Krim, die instabile Lage im Osten des Landes. Hat die EU Mitschuld an der Lage, weil sie ein weitgehendes Assoziierungsabkommen mit der Ukraine anstrebte, ohne Rücksicht auf Verluste?

  • Juncker wehrt sich gegen den Vorwurf, die EU sei "naiv" gewesen. Man habe sich nicht vorstellen können, dass ein solches Problem des 21. Jahrhunderts mit Mitteln aus dem 19. Jahrhundert gelöst werden solle - ein Seitenhieb gegen den russischen Präsidenten Putin, der für die Eskalation in der Ostukraine verantwortlich gemacht wird. Müssen schärfere Sanktionen gegen Russland her? Juncker legt sich nicht fest. Man müsse berücksichtigen, dass die Sanktionen auch manche EU-Mitgliedsländer hart treffen könnten, weil sie wirtschaftlich stark von Russland abhängen.
  • Bei Schulz klingt das ähnlich. Er sagt ausdrücklich, man müsse den Deutschen klarmachen, dass schärfere Sanktionen womöglich hierzulande Arbeitsplätze bedrohten. Dennoch müsse die EU Stärke gegenüber Putin demonstrieren. Und die Separatisten? Ihr "Ballon" werde "platzen", sagt Schulz, wenn sie keine Unterstützung durch Putin mehr hätten.
  • Wo ist also der Unterschied zwischen den Kandidaten? Schulz antwortet ehrlich: "Es gibt wenig Unterschied." Juncker: "Ich verstehe Wahlkampf nicht als Massenschlägerei ohne Grund." Dieser Punkt geht an beide.
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Neue Runde im Wahl-Thesentest von Süddeutsche.de: Am 25. Mai stimmen die Deutschen über das Europaparlament ab. Wir haben mehr als 500 Kandidaten und Abgeordnete zu kontroversen EU-Themen befragt. Klicken Sie sich durch unseren Test und finden Sie heraus, mit welcher Partei Sie am meisten verbindet.   Von Martin Anetzberger, Kathrin Haimerl und Matthias Kolb

Beide Kandidaten wirken bemüht, die Einigkeit nicht zu groß werden zu lassen. Das Thema Türkei bietet ihnen Stoff für eine Auseinandersetzung:

  • Sollte die Türkei in die EU aufgenommen werden? "Die Verhandlungen laufen, sie laufen!", sagt Schulz, um gleich den türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan ins Visier zu nehmen: "Aber ich glaube, dass sich die Türkei gerade davon verabschiedet." Und das sei auch nicht falsch, "wenn man sieht, was Erdoğan da macht".
  • Streit flammt auf, als Juncker betont, der SPD-Kanzler Gerhard Schröder habe den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zugestimmt.
  • Schulz schreitet sofort ein: Merkel soll verantwortlich sein. Wer hat recht? Die Chronik sagt: Juncker. Der EU-Gipfel in Helsinki im Dezember 1999 machte die Türkei zu einem Beitrittskandidaten - damals war Schröder Kanzler. Juncker ist diesmal deutlicher: "Wer Twitter verbietet, der ist nicht beitrittsfähig", sagt er. Punkt für Juncker.