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TV-Duell:Wie Trumps Stärke zu seiner Schwäche wurde

Republican U.S. presidential nominee Donald Trump reacts during first presidential debate at Hofstra University in Hempstead

Donald Trump beim TV-Duell an der Hofstra University in Hempstead, New York.

(Foto: REUTERS)

Freche Rhetorik hat Donald Trump weiter gebracht, als viele das erwartet haben. Im ersten TV-Duell gegen Hillary Clinton aber versagt sein Erfolgsrezept.

Unterbrechen ist nicht dasselbe wie Schlagfertigkeit. Donald Trump hat Hillary Clinton im TV-Duell 51-mal unterbrochen. Umgekehrt fiel Clinton ihm nur 17-mal ins Wort, haben die Debattenbeobachter gezählt.

Seine freche, instinktive Aus-dem-Bauch-Rhetorik hat Donald Trump viel weiter getragen, als alle geglaubt hatten. Doch zumindest in der ersten Fernsehdebatte um die Präsidentschaft ist dieses Rezept nicht mehr aufgegangen. Trump wollte wieder auf den Vorteil des Moments setzten, mal spielerisch, mal vulgär - oder er konnte mit seinen Möglichkeiten gar nichts anderes tun. Es war nun mal bisher sein Markenzeichen, dass er "off the cuff" redet, so sagt man auf Englisch dazu, das heißt so viel wie: "aus der Manschette, aus dem Hemdsärmel".

Wer aber eher unvorbereitet in die unmittelbare Konfrontation mit einer versierten Gegnerin gehen will, auf der denkbar größten Bühne - der müsste entweder sehr gut informiert oder sehr intelligent und wendig sein, am besten beides. Ganz Amerika hat jetzt gesehen, besonders im Kontrast zur ziemlich souveränen Hillary Clinton: Trump ist es nicht. Er hat offenbar dramatisch unterschätzt, was man draufhaben muss, damit improvisierte Rhetorik auch über die längere Strecke gelingt.

Gerade die vielen Unterbrechungen zeigen das an, denn an ihnen sieht man, wie wenig Trump stattdessen in den 90 Minuten bei direkten Reaktionen und Repliken zu bieten hatte, also genau bei jener Schlagfertigkeit, auf die er sich verlassen hatte. Viel zu selten blitzte seine Fähigkeit zur frechen Retourkutsche auf - etwa, als Clinton auf ihre viel größere politische Professionalität verwies und Trump antwortete: "Ja, sie hat Erfahrung, aber es ist schlechte Erfahrung." Das saß mal.

An fast allen anderen Stellen, wo Trump nicht auf Versatzstücke zurückgreifen konnte, wirkte das Unvorbereitete nicht reaktionsschnell, nicht wie gesunder Menschenverstand gegen das politische Establishment, sondern einfach nur unvorbereitet. Auf seiner außenpolitischen Geisterbahn hieß es irgendwann bloß noch desparat: "and all these other places" - "und all diese anderen Länder". Und als Beweis seiner Toleranz fiel Trump ein, dass er einen Club in Florida besitze, in dem Muslime oder Schwarze tatsächlich gerngesehene Gäste seien. Wo er hingegen selber in die Offensive ging, da verhedderte er sich nach einem passablen Start in Wiederholungen, riesigen Übertreibungen und Grobheiten.

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Kein Wunder also, dass Hillary Clinton vieles einfach lächelnd laufen lassen und sonst ihre eigenen Positionen formulieren konnte. Sie hat den Gegner mehrmals in Fallen gelockt, auch ohne die Nachfragen des Moderators. Dann konnte sie Sätze sagen wie: "Ich weiß, dass Sie in Ihrer eigenen Realität leben." Oder sie brachte einfach als Gegenargument: Man müsse sich doch einfach nur anhören, was der Gegner sagt. Was also sonst bei Donald Trump auch erfrischend und kraftvoll wirken kann (jedenfalls bei seinen Fans), das kam am Montagabend in der Debatten-Arena unhöflich und unbeholfen rüber. Dieses Versagen machte Clintons Auftritt mindestens so gewinnend wie ihre eigenen Angriffe auf Trump wegen Unseriösität, Rassismus und Sexismus.

Trotzdem sollten sich alle, die einen Präsidenten Trump fürchten, nicht zu früh freuen. Für die Populisten der "post-truth era", der Epoche, in der Wahrheit angeblich nicht mehr zählt, ist die tatsächliche Qualität des Auftritts ihres Helden eher zweitrangig. Und Kompetenz und weibliche Klugheit sind für viele Trump-Anhänger tatsächlich eher Argumente gegen Hillary Clinton. Außerdem muss noch nicht entscheidend sein, wer im ersten von drei TV-Duellen präsidialer wirkt - Amtsinhaber Barack Obama zum Beispiel sah 2012 in der ersten Runde gegen den Republikaner Mitt Romney ziemlich alt aus. Hillary Clinton kann sich im weiteren Verlauf des Wahlkampf nicht auf die Selbstentlarvung des Widersachers verlassen. Das Rennen ist, obwohl man es nach der erschreckenden Performance von Donald Trump nicht glauben will, offen.

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