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TV-Duell:Diese Begegnung hat die Bezeichnung Duell nicht verdient

Merkel And Schulz Face Off In TV Debate

Kein Streit in Sicht - nicht nur kurz vor dem Duell kamen Merkel und Schulz gut miteinander aus.

(Foto: WDR/ARD via Getty Images)

Dazu sind die Ausgangspositionen der Duellanten zu unterschiedlich. Und ihre Ziele. Es wirkt, als wollten Merkel und Schulz den Moderatoren die Komplexität der Politik erklären.

Es beginnt damit, dass der Herausforderer der Kanzlerin gleich mal uneinholbar davonzieht. Viertel nach acht am Sonntagabend, die Moderatoren begrüßen ihre Gäste, zuerst Angela Merkel. Die nickt daraufhin einmal kurz. Dann ist Martin Schulz dran - und der nickt, noch mal und noch mal und dann zur Sicherheit noch mal. Und noch mal, wodurch es gleich vier, fünf oder auch sechs zu null für Schulz steht. Jedenfalls beim Kopfnicken.

TV-Duell, so lautet ja der gängige Begriff für das, was am Sonntagabend in Berlin-Adlershof vonstatten geht. Ein Duell im eigentlichen Sinn, bei dem beide Teilnehmer schlicht gewinnen wollen, ist das hier allerdings kaum. Dazu sind die Ausgangspositionen der Duellanten zu unterschiedlich. Und ihre Ziele.

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Für die in den Umfragen weit enteilte Kanzlerin, deren größte Stärke ohnehin nicht die freie Rede ist, geht es hier darum, den Herausforderer nicht allzu eindeutig punkten zu lassen - und ihn vielleicht bei der einen oder anderen Unsicherheit in Detailfragen zu erwischen. Für den weit zurückliegenden Herausforderer, zu dessen größten Stärken die Schlagfertigkeit zählt, geht es drei Wochen vor der Wahl darum, sich endlich einmal jene Frau direkt vorzuknöpfen, die bislang all seine Attacken ignoriert oder weggelächelt hat. Allein die Tatsache, dass er sich an diesem Abend als Herausforderer auf Augenhöhe präsentieren kann, könnte ihm helfen - wenn er das mit der Augenhöhe denn hinbekommt.

Es geht los mit ein paar schnellen Fragen an die Kandidaten. Schulz muss etwas zu seinen miesen Umfragewerten sagen, Merkel soll sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie sei eine beliebige "All-inclusive-Kanzlerin". Die Antworten hat man schnell wieder vergessen, abgesehen von Schulz' Eingeständnis, dass er seinen Vorwurf, Merkel begehe einen "Anschlag auf die Demokratie", indem sie die Wähler einlulle, "in dieser Schärfe sicher nicht noch mal" erheben würde. Dann wird es ernst.

Es geht, gleich nach den ersten Lockerungsübungen, um das Thema Flüchtlinge - und die Frage, ob Merkel noch einmal so entscheiden würde wie vor zwei Jahren, als sie die Grenze nicht schloss. "Zu diesen Entscheidungen stehe ich", sagt die Kanzlerin. Schulz nutzt das für eine erste entschiedene Attacke: Es sei ein Fehler gewesen, "die europäischen Nachbarn nicht vorher einzubinden, sondern vor vollendete Tatsachen zu stellen". Da schaut Merkel kurz, als hätte sie damit jetzt nicht gerechnet.

Schulz weiß genau, dass die Kanzlerin beim Thema Flüchtlinge besonders hart zu treffen ist

Es entspinnt sich ein kleines Scharmützel. "Das seh' ich nun wirklich anders", sagt Merkel - Herr Schulz wisse das doch eigentlich besser. Es gebe nun mal Situationen im Leben eines Bundeskanzlers, "da müssen Sie entscheiden". Die Botschaft dahinter: Reden kann jeder, regieren ist etwas anderes - zumal Merkel an mehreren Stellen klarmacht, dass die SPD damals eingebunden gewesen sei. Doch Schulz will nicht lockerlassen: "Es ist nicht ganz so, wie Frau Merkel das darstellt", sagt er. Das höre sich zwar sehr schön an - aber die "Flüchtlingswelle" sei schon länger absehbar gewesen, weshalb man sich früher mit den europäischen Partnern hätte abstimmen müssen. Da könne Merkel doch nicht sagen, sie habe alles richtig gemacht.

Das hat sie zwar auch gar nicht behauptet - doch Schulz weiß genau, dass die Kanzlerin bei diesem Thema besonders hart zu treffen ist. Schon in den Wochen zuvor hat er es immer wieder versucht. Und tatsächlich kommt Merkel hier an diesem Abend zum ersten Mal in die Defensive. Das EU-Türkei-Abkommen? "Ich halte es nach wie vor für absolut richtig", sagt sie. Da ist übrigens auch Schulz ihrer Meinung.

Es folgen Fragen nach dem radikalen Islam in Deutschland. Überhaupt wirkt die Gewichtung in der ersten Dreiviertelstunde, als wollten die Moderatoren präventiv mit aller Macht dem Vorwurf entgegentreten, politisch unbequeme Themen umgangen zu haben. Der Fokus liegt klar auf der Innen- und Migrationspolitik - wobei das ganz und gar nicht durchgehend kontrovers abläuft. Zeitweise wirkt es eher so, als wollten Schulz und Merkel den Moderatoren mit vereinten Kräften die Komplexität der europäischen Politik nahebringen.

Das ändert sich beim Thema Türkei. Hier ist es Schulz, der vorprescht und ankündigt, er werde als Bundeskanzler "die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union abbrechen". Daraufhin Merkel: "Da müssen wir mit unseren europäischen Partnern darüber reden" - schließlich müsse so etwas einstimmig beschlossen werden. Worauf Schulz verspricht, dafür zu kämpfen, dass es diese Mehrheit geben werde.

Wieder ist es Merkel, die auf die Sachzwänge des Regierens verweist: Wenn man deutsche Staatsbürger in Haft freibekommen wolle, müsse man auch mit einem Staat wie der Türkei im Gespräch bleiben. Und Außenminister Sigmar Gabriel habe bislang eine andere Position vertreten, als Schulz es nun tue. Doch der Herausforderer versucht, sich als Mann der klaren Ansagen in Szene zu setzen.

Nach einer Stunde erst kommt die Debatte kurz auf den inneren Zustand dieses Landes - Stichwort Gerechtigkeit. Da spult Schulz routiniert sein Wahlprogramm herunter, doch eine kleine Kontroverse gibt es lediglich beim Thema Rente. Da bezeichnet Merkel sämtliche Behauptungen, die Union wolle Menschen bis 70 arbeiten lassen, als "falsch" - woraufhin Schulz ihr genüsslich vorhält, dass es in der Union durchaus Menschen gebe, die das wollten. Außerdem versucht er, Merkels Glaubwürdigkeit anzugreifen. Schließlich habe sie sich vor vier Jahren auch ablehnend zur Pkw-Maut geäußert. Was dann wiederum Merkel nicht so stehen lassen will.

Dann, im Schnelldurchlauf: Diesel-Skandal, Ehe für alle, Wahlrecht ab 16. Und: die Schlussworte. Da vergisst Schulz, den Menschen zu erklären, warum er eigentlich der bessere Kanzler wäre - während Merkel die dafür vorgesehene Minute konsequent nutzt, um für sich und ihre Partei zu werben: "Geben Sie zwei Stimmen der christlich-demokratischen Union".

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