Wie werden sie es ihnen wohl sagen, den Sängern, den Tänzerinnen, den Schauspielern: schroff, drohend, erniedrigend? Takt ist nicht das Wesen einer Diktatur. Turkmenistan ist eine; auf der Liste der Pressefreiheit liegt das zentralasiatische Land nur zwei Plätze vor Nordkorea. Und irgendwie müssen die Beamten ja rausrücken mit der Sprache, wenn ihnen Figur und Gewicht bestimmter Künstler nicht passen.
Die Warnungen haben schon begonnen, Abnehmen braucht Zeit – bis zum Unabhängigkeitstag in Turkmenistan am 27. September sind es nur noch knapp vier Wochen. Auftretende Künstler sollen bis dahin das richtige Gewicht haben, besonders auf das Bauchfett achten, gegebenenfalls herunterhungern. Sonst droht ihnen die Verbannung aus dem staatlichen Kultursystem, also: der Verlust ihres Jobs. Keine Bühne mehr, kein Fernsehauftritt.
Frauen sollen nicht Wimpern und Fingernägel verlängern – und sich die Haare nicht blondieren
Der Staat greift damit tief in die privaten Belange der Menschen ein. Die Anweisung, „repräsentabel auszusehen“, kommt nach einem Bericht der Zentralasienabteilung von Radio Free Europe/Radio Liberty aus der turkmenischen Führung und wird sowohl von Ex-Präsident Gurbanguly Berdymuchammedow als auch seinem Sohn Serdar unterstützt, dem jetzigen Staatschef. Eine offizielle Order gibt es nicht. Es ist eher eine Art Mundpropaganda, ein scharfer Rat. Und viele folgen ihm.
Die ersten Künstler hätten sofort mit der Diät begonnen, zitiert der Sender einen Schauspieler des Staatlichen Dramentheaters in der Großstadt Balkanabat. Schlank zu bleiben sei aber auch nicht so einfach. Obwohl das Land reich an Gas ist und zu einem wichtigen Lieferanten für die Europäische Union werden will, beklagt der Schauspieler, die Gehälter seien so niedrig, dass sich viele Menschen nur schwer gesund ernähren könnten. Statt Vollkornbrot würden sie etwa Weißbrot kaufen, um zu sparen.
„Broccoli kostet ein Vermögen, die Monatsgebühr in einem Fitnessclub beträgt 1000 Manat, bei 3000 Manat (etwa 730 Euro) Monatsgehalt. Vieles davon kann man sich nicht ständig leisten“, zitiert der Bericht von Radio Free Europe einen anderen Künstler, der aus Angst vor den autoritären Behörden ebenfalls nicht mit Namen zitiert werden wollte.
Gesundheitskult pflegt der Staat trotzdem. Seit mehr als zehn Jahren gibt es in Turkmenistan einen „Monat der Gesundheit und des Glücks“. Studierende und staatliche Angestellte müssen dann bei massenhaften Fahrradfahrten oder Joggingaktionen mitmachen. Beim Gewicht seiner Polizisten hat sich der Staat bereits vor einigen Jahren festgelegt: keinesfalls dreistellig. Ähnlich ist es in den zentralasiatischen Nachbarstaaten Tadschikistan und Usbekistan.
So drastisch wie Turkmenistan macht jedoch kein anderes Land der früheren Sowjetunion den Menschen Vorschriften, erstellt inoffizielle Dresscodes, in der Regel mit der Begründung von „Traditionen“. Vor allem Frauen werden bevormundet, sollen sich die Haare nicht blondieren, sich nicht tätowieren, weder Wimpern noch Fingernägel verlängern. Auch das Autofahren hat der Staat ihnen mit bürokratischen Hürden erheblich erschwert. Dass in der Hauptstadt Aschgabad nur weiße oder helle Autos fahren dürfen, gilt wiederum für alle.

