Friedlicher Protest:Pinky und Brain geben auf

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Friedlicher Protest: "Tausend Dank": Die beiden Aktivisten mit den Pseudonymen Pinky und Brain, kurz nachdem sie den selbstgebauten Tunnel unter Lützerath am Montag verlassen hatten.

"Tausend Dank": Die beiden Aktivisten mit den Pseudonymen Pinky und Brain, kurz nachdem sie den selbstgebauten Tunnel unter Lützerath am Montag verlassen hatten.

(Foto: Roberto Pfeil/dpa)

Nach der Räumung harrten noch zwei Aktivisten in einem Tunnel aus. RWE schaltete Verhandlungsprofis ein - und das Duo zog freiwillig ab. Trotzdem können die Kohlebagger noch nicht loslegen.

Von Björn Finke, Brüssel

Die Nachricht kommt gegen Mittag: Pinky und Brain haben freiwillig den selbstgegrabenen Tunnel im Dorf Lützerath verlassen. "Tausend Dank für euren lebensgefährlichen Einsatz gegen die Braunkohle & Kapitalismus", heißt es auf dem Twitter-Kanal Aktionsticker Lützerath. Pinky und Brain, deren bürgerliche Namen nicht bekannt sind, hatten sich tagelang in dem Tunnel verbarrikadiert, aus Protest dagegen, dass der Stromversorger RWE die Braunkohle unter der vor sechs Jahren aufgegebenen Siedlung fördern will. Die Polizei hatte die anderen Demonstranten und Besetzer bis Sonntag vertrieben, nur das Duo im Tunnel harrte weiter aus - und gab dann am Montag auf.

Die Verhandlungen mit Pinky und Brain führte nicht die Polizei, sondern RWE - unterstützt von der Schweizer Beratungsfirma Schranner Negotiation Institute. Deren Gründer Matthias Schranner wurde unter anderem vom FBI für Verhandlungen mit Geiselnehmern ausgebildet. Das Technische Hilfswerk und Fachleute der Feuerwehr seien ebenfalls eingebunden gewesen, teilte der Essener Konzern mit. Am Ende hätten die zwei Aktivisten "nach intensiven Gesprächen freiwillig ihre lebensgefährliche Lage beendet" und die Siedlung verlassen. Der Aktionsticker Lützerath verbreitete später, den beiden gehe es gut. Und: "Freiheit für alle politischen Gefangenen — auch für die, die wegen Lützerath im Knast sind." Was auf Pinky und Brain nicht zutrifft.

Am Abend äußerten sich die beiden selbst. In einer Stellungnahme heißt es: "Die Fragen, die uns am häufigsten gestellt wurden (wie es uns geht, was wir da unten gemacht haben, wie wir den Tunnel gebaut haben), sind absolut irrelevant und gehen komplett am eigentlichen Thema vorbei. Der Tunnel an sich hat keine Bedeutung, die entscheidendere Frage ist, warum er gebaut und besetzt wurde." Außerdem gestehen die Aktivisten ihre Niederlage ein, ohne jedoch komplett zu resignieren: "Dieser eine Kampf ist verloren, doch der Kampf für soziale Gerechtigkeit muss weitergehen."

Das Unternehmen wollte diese letzten Protestler nicht mit Gewalt aus dem Tunnel holen, weil dies gefährlich für das Duo und für die Rettungskräfte gewesen wäre. Stattdessen sicherte RWE den Tunnel, um ein Unglück zu verhindern. Unter anderem sei die Struktur eines darüber stehenden Gebäudes verstärkt worden, berichtete die Firma. Außerdem wurde die Autobatterie nachgeladen, mit der die Aktivisten eine Pumpe antrieben, die sie mit Frischluft versorgte. Die Protestler hätten den Tunnel zum Glück in stabilem Lössboden gegraben, sagte ein Sprecher.

Für RWE war es nicht die erste Erfahrung mit Klimaschützern in Tunneln. Bereits 2012 hatte sich ein Aktivist metertief im Hambacher Forst eingegraben, um die Rodung des Waldes für den Braunkohle-Tagebau zu verhindern.

Die Firma sucht nach Blindgängern

In Lützerath lebten früher etwa hundert Einwohner, die bis 2017 umgesiedelt wurden - vor allem in den acht Kilometer entfernten Ort Neu-Immerath. Die meisten Gebäude sind schon abgerissen, der Rest folgt nun. Bäume samt Wurzeln und Rohrleitungen müssen ebenfalls weichen. Dann wird die Fläche noch mit Metalldetektoren abgesucht, wegen Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg. Erst danach werden die beiden Braunkohlebagger 258 und 261 anfangen, das Areal wegzubuddeln. Das könnte im März oder April geschehen, sagte ein Sprecher.

Zunächst werden die 65 und 70 Meter hohen Bagger Erde abtragen, bis sie zum ersten Flöz kommen, also einer Schicht mit Braunkohle. Die wird mit Förderbändern abtransportiert und ganz in der Nähe in den RWE-Kraftwerken Neurath und Niederaußem verheizt. Da Lützerath direkt an der Kante des Tagebaus Garzweiler liegt, muss das Unternehmen keine neuen Förderbänder installieren, die vorhandenen reichen.

Das Aus für Lützerath wurde im Oktober besiegelt, als Teil einer Abmachung von RWE mit Bundes- und Landesregierung. Demnach wird der Konzern die klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke sogar schon 2030 und nicht erst 2038 abschalten, wie ursprünglich geplant. Deshalb wird RWE im Tagebau Garzweiler mehr Kohle unberührt im Boden lassen. Doch Lützerath muss trotzdem weichen, weil die Kraftwerke zunächst noch auf vollen Touren laufen sollen, damit Deutschland für die Stromerzeugung weniger des knappen Gases benötigt. Und Lützerath befindet sich eben direkt an der Tagebaukante; an die Kohle kommt RWE einfach heran. Dennoch zweifeln manche Studien an, dass diese Braunkohle wirklich gebraucht wird.

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