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Tunesische Flüchtlinge in Italien:Flucht in eine ungewisse Zukunft

"Morgen, dann wieder morgen" - so heißt es, wenn sie fragen, wann sie weiterdürfen oder es eine Aufenthaltsgenehmigung gibt: In italienischen Lagern sitzen Tausende Bootsflüchtlinge fest. Niemand weiß, wie es weitergehen soll. Während sich Bürger um den Tourismus in der Nähe der Lager sorgen, steht der rechte Innenminister vor einem Dilemma.

Über Nacht hat sich alles relativiert. Die Männer, die an der Landstraße auf einem struppigen Feld in der schon stechenden Sonne herumstehen, darf man jetzt zu den glücklicheren zählen. Sie haben es bis hier nach Apulien geschafft. Anders als die wohl 250 Menschen, die gerade auf der Flucht nach Europa mit ihrem untauglichen Boot im tosenden Mittelmeer untergegangen sind. Alle hier sind auch mit Fischerbooten aus Nordafrika aufgebrochen, und hatten so zunächst die italienische Insel Lampedusa erreicht.

Flucht nach der Flucht: Männer verlassen das Aufnahmelager in Manduria im Südosten Italiens.

(Foto: AFP)

Aber an diesem Tag wissen die jungen Männer noch nichts von der Tragödie, sie plagt vor allem die Ungewissheit. Wie lange müssen sie noch bleiben in dem improvisierten Flüchtlingscamp zwischen Feldern, sechs Kilometer von der Kleinstadt Manduria entfernt und vier von Oria? 1200 bis 1300 Tunesier hausen hier in großen, blauen Zelten, aufgereiht im eingezäunten Gelände eines verfallenen Militärflughafens aus dem Zweiten Weltkrieg. Per Schiff hat man die Männer vom überfüllten Lampedusa nach Taranto gebracht und dann im Bus ins Lager.

"Morgen, und dann wieder morgen", heiße es, wenn sie fragen, wann sie weiterdürfen oder es gar die ersehnten Aufenthaltsgenehmigungen gibt, erzählt Moammed Goudbami. Der 32-Jährige aus Gazrin hofft wie alle auf Arbeit in Europa. Er steht gegenüber der von Polizei bewachten Zufahrt zum Camp auf einem Feld, das übersät ist mit Matratzen und braunen Decken. Aus Protest haben ein paar Dutzend von ihnen am Vortag dort übernachtet und sind in Hungerstreik getreten. Er hat nur einen halben Tag gedauert. Die Stimmung ist wieder entspannt, und die Polizisten sagen, die Männer würden auch nicht mehr versuchen, in Scharen davonzulaufen, um die 200 waren es in den Tagen zuvor. Sie wissen jetzt, dass sie meist nicht weit kommen, und die französische Polizei Tunesier zurückweist, die von Ligurien über die Grenze kommen.

Doch die Bilder aus Manduria von Migranten, die sich nachts über den Zaun davonmachten, haben in Italien auch Beunruhigung ausgelöst. Und der Bürgermeister von Manduria hat seinen Rücktritt erklärt. "Das hat nichts mit Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit zu tun", sagt Roberto Puglia, Chef der Sozialbehörden im Rathaus von Manduria. Er will den Flüchtlingen sogar helfen, gerade vorhin hat er der Präfektur gemeldet, was Gemeinde und örtliche Caritas beitragen können. "Der Bürgermeister wollte dagegen protestieren, dass er keine richtige Information vom Innenministerium oder der Präfektur erhält", sagt Puglia. "Wir erfahren nicht einmal, wie viele Migranten herkommen sollen." Auch nicht, ob es sich um Asylbewerber handelt oder illegale Einwanderer.

Roberto Puglia sagt, die Bürger hätten um ihre Sicherheit kaum Sorge. Es würden fast keine Flüchtlinge herkommen, schon weil in Manduria nur Nahverkehrszüge halten, mit denen sie nicht weit kommen. Wenn sie etwas sorge, dann die Wirkung der Bilder vom Lager auf potentielle Urlauber. Sabine K., eine Deutsche, die hier Ferienwohnungen vermietet, sagt, sie spüre es schon. Gäste hätten abgesagt, erstmals seit Jahren blieben Anfragen aus. Und was noch komme, wisse man ja nicht. Vom Bürgermeister bis zu den Einwohnern, von den Polizisten am Lager bis zu den Migranten - sie wissen nicht, wie es weitergeht.

Auch nicht Ghassen Najjar. Der pummelige 24-Jährige sitzt mit anderen am Zugang zum Camp. Sie rauchen, was sollen sie auch sonst tun. Auf das Mittagessen, das sie mit ihren grünen Lagerkarten bekommen, hat Najjar, der aus Kebili kommt, keine Lust. "Maccheroni, jeden Tag Maccheroni", sagt er, und macht sich gleich über seine Maulerei lustig, indem er zur Melodie von "Macarena" "Maccheroni" singt. Seit fünf Tagen ist er hier, 15 Tage war er auf Lampedusa.