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Präsidentenwahl in Tunesien:Mehr Nostalgie als Demokratie

Präsidentenwahl in Tunesien

Wahllokal in Tunis: Einem Mann wird nach seiner Wahl der Finger eingefärbt. Rund sieben Millionen Tunesier sind an diesem Sonntag aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen.

(Foto: dpa)

Tunesien hat gewählt, nach inoffiziellen Hochrechnungen liegt ein Mann vorne, der kaum Wahlkampf betrieb. Doch die Jungs aus dem Viertel Hay Helel glauben sowieso eher ans Kiffen und an Tattoos mit Autolack als an die Politiker, die ihre Stimmen wollen.

Dem Besitzer der Bar "Jobi" im vornehmen Küstenvorort Gammarth nahe Tunesiens Hauptstadt Tunis kann man keinen Vorwurf machen. Er hat sich alle Mühe gegeben, die Jugend an die Urnen zu treiben: "Wir feiern die Demokratie auf unsere Art", schrieb er in einem in Tunesien viel geteilten Facebook-Post, "und bieten unser Celtia allen für die Hälfte an, die mit geschwärztem Zeigefinger kommen."

Celtia, so heißt die nationale Biermarke des Elf-Millionen-Staats, in dem die Bürger am Sonntag aufgerufen waren, zum zweiten Mal in freien Wahlen einen neuen Präsidenten zu bestimmen. Und obwohl das Geburtsland des sogenannten Arabischen Frühlings das einzige ist, in dem der Aufstand der Bürger 2011 in echter Demokratisierung mündete, ist die Bereitschaft unter den Tunesiern verhalten, ein Kreuzchen zu machen und den rechten Zeigefinger in langhaftende Spezialtinte zu tauchen, die Mehrfachabstimmungen verhindern soll.

Seit der Revolution hat der Dinar 60 Prozent seines Wertes verloren, die Arbeitslosigkeit stieg auf 15,5 Prozent. Viele Tunesier trauen keinem der 26 Kandidaten zu, daran etwas zu ändern. Viele zweifeln sogar, ob der Weg der richtige ist, den das Land eingeschlagen hat: Laut einer Umfrage von 2018 sehen nicht einmal mehr die Hälfte der Befragten in der Demokratie die beste Staatsform, 2013 waren es noch 70 Prozent.

Und die vorläufigen Zahlen, die am späten Abend vermeldet werden, lassen nicht darauf schließen, dass der lebhafte Wahlkampf mit den ersten TV-Duellen der arabischen Welt einen Umschwung bewirkt hätte: Bei 45,2 Prozent lag die Wahlbeteiligung bis zur Schließung der Wahllokale. Das ist zwar nicht so niedrig wie vor diesem Sonntag befürchtet, zeigt aber die geringe Identifikation mit dem politischen System.

Für Mohammad Ali, Hamdi Cherif und Spike, der seinen echten Namen nicht verraten will, ist weder das Angebot der Bar "Jobi" im Bereich des Vorstellbaren, noch der Gedanke, überhaupt zu wählen. Ihr Viertel Hay Helel liegt am südlichen Rand von Tunis, am schlammigen Ufer des Sijoumi-Sees. Die eng stehenden Häuser hier sind illegal am Fuße eines vermüllten Abhangs gebaut. Wenn nicht wie an diesem Wahltag Polizei vor Ort ist, um die Abstimmung in der schlichten Grundschule "Hay Helel 1" zu sichern, wäre es wegen der hohen Kriminalität keine gute Idee, hierher zu gehen. Sogar die Flamingos im See hielten Abstand vom Ufer, sagt Spike, sonst würden sie aufgegessen.

Gegen Bier haben die 20 bis 24 Jahre alten jungen Männer nichts: "Außer Trinken und Kiffen gibt es hier nichts zu tun", sagt Mohammad Ali. Am späten Vormittag träfen sie sich für den ersten Joint unterhalb der Schule, Kreuzung Rue Nostalgie und Rue Pinguin. "Dann wandern wir im Lauf des Tages einmal rund um den Platz, je nachdem, wo gerade Schatten ist."

Spike ist gerade aus dem Gefängnis gekommen, wegen Drogenbesitz, nicht das erste Mal. Mohammad Ali arbeitet ab und zu als Taxifahrer, ohne Lizenz. Und Hamdi Cherif war einmal in einer Schuhfabrik angestellt, es gab 250 Dinar in der Woche, die damals deutlich mehr wert waren. Heute heuere der Fabrikant auf Tagesbasis an und zahle höchstens 20 Dinar - etwa 6,50 Euro. "Der Diktator Ben Ali hat die Reichen bestohlen", sagt Hamdi Cherif, "die Politiker von heute bestehlen uns Arme." Ein Bier in Gammarth? Unbezahlbar.

Keinem im Viertel gehe es irgendwie besser als ihnen, sagen die Jungs, um dann schnell korrigiert zu werden, als Mehdi Gouma kommt: "Ich bin der Reichste hier", ruft der 26-Jährige, er hat sich eine Tätowier-Maschine selbst gebastelt und Autolack als Tinte besorgt. "Wenn du deiner Mama schon keine Waschmaschine kaufen kannst, lässt du dir wenigstens ihren Namen auf den Arm schreiben", sagt Spike. Gouma meint, er komme vor Arbeit kaum zur Ruhe. Und wer nicht mit Geld zahlen könne, gebe ihm Alkohol oder Drogen.

"Die geben sich fromm und sind doch auch nur machtgeil"

Von den gemäßigten Islamisten der Ennahda-Partei, die bei vielen der meist älteren Herren Zustimmung finden, die in der Grundschule mit den etwas unproportionierten Mickey-Maus-Bildern an der Wand ihre Stimme abgeben, halte die jüngere Generation wenig: "Die geben sich fromm und sind doch auch nur machtgeil." Auch der als Favorit gehandelte populistische TV-Unternehmer Nabil Karoui kommt bei ihnen nicht gut an: "Vor der Wahl kommt er und verteilt Tomaten und Spaghetti. Und nach der Wahl will er dann mehr Spaghetti und Tomatensoße von dir, als du kochen kannst", sagt Hamdi Cherif. Karoui inszenierte sich in seinen eigenen TV-Shows als Retter der Armen und sitzt nun wegen Geldwäscheverdachtes hinter Gittern. Er kandidiert trotzdem.

In malerischen Sidi Bou Said, im Norden der Hauptstadt an der Küste gelegen, geht es bei der Wahl etwas reger zu. So rege, dass die Fahrer der Touristenbusse verärgert hupen, weil vor dem Wahllokal geparkte Nobelkarossen die Durchfahrt versperren. Auf dem mit komplett in blau und weiß gehaltenen Häuschen bebauten Hügel über dem Mittelmeer wohnt die alte Elite des Landes, das bald ein neuer Präsident führen soll. Viele der zur Wahl Gekommenen sprechen in den Schlangen vor den Urnen heute jedoch eher über die Vergangenheit: Seit dem Vorabend kursieren Gerüchte, dass ein ehemaliger Bewohner von Sidi Bou Said ins Koma gefallen sei, den jeder hier kennt, viele sogar persönlich: Ex-Dikator Ben Ali, seit 2011 im saudischen Exil. Und am Morgen des Wahltages verstarb die Ehefrau von Staatspräsident Beja Caid Essebsi, der bis zu seinem eigenen Tod am 25. Juli mit ihr den keine zwei Kilometer entfernten Präsidentenpalast in Karthago bewohnt hatte.

Als am Abend die ersten inoffiziellen Hochrechnungen von privaten Agenturen veröffentlicht werden, dürfte der Schock beim Establishment in Sidi Bou Saïd noch größer gewesen sein: An zweiter Stelle - und damit in der Stichwahl - liegt mit um etwa 15 Prozent der populistische TV-Unternehmer Karoui. An erster Stelle mit 19 Prozent der parteilose Rechtsprofessor Kaïs Saïed, der kaum Wahlkampf betrieb und Homosexualität für eine Krankheit hält. Youssef Chahed hingegen, der Premierminister - ist genauso draußen wie Verteidigungsminister Abdelkarim Zbidi und Abdelfattah Mourou, der Kandidat der mitregierenden islamistischen Ennahda-Partei. MIt endgültigen Ergegnissen wird erst am Montag gerechnet.

Es brechen neue Zeiten an in Tunesien, so viel ist sicher. Ob es auch bessere Zeiten werden, ist hingegen ungewiss.

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