Tunesien und der "Islamische Staat" SMS aus Syrien

Im Dezember vergangenen Jahres demonstrieren Anhänger der inzwischen verbotenen Ansar al-Schariah in der tunesischen Hauptstadt

(Foto: AFP)

Tausende Tunesier kämpfen für die IS-Terrormiliz in Syrien oder im Irak. Lange wurde das Phänomen im Land totgeschwiegen. Ihre Familien versuchen verzweifelt, die jungen Männer zur Rückkehr zu bewegen. Doch die Heimkehrer sind gefährlich.

Von Paul-Anton Krüger, Tunis

Manchmal sprechen die Leute Mohammed Iqbel Ben Rejeb auf der Straße an, wenn er zu seiner Arbeit in einem Telefonladen auf der Avenue Bourguiba geht. Er ist in Tunesien bekannt, seitdem er das Schicksal seiner Familie ins Fernsehen getragen hat - ein Schicksal, das Tausende Familien teilen in dem Land mit seinen knapp elf Millionen Einwohnern.

Sein Bruder Hamza, damals 23 Jahre alt und Informatikstudent, war mit Freunden nach Syrien gegangen, um sich der Al-Nusra-Front anzuschließen. Ben Rejeb hielt ein Foto von ihm in die Kamera, flehte den Bruder an, wieder nach Hause zu kommen. "Er hat nichts gesagt, er ist morgens mit einem Freund aufgebrochen, sie wollten an der Universität Papiere abholen", erinnert sich Ben Rejeb an den Tag im März 2013, an dem Hamza verschwand.

Das nächste Lebenszeichen, das er von ihm bekam, war eine SMS aus Syrien. Ben Rejeb fand sich nach seinem TV-Auftritt auf den Titelseiten der Zeitungen. Er hatte eine Mauer des Schweigens gebrochen, über das Thema wollte hier lange kaum jemand reden, obwohl immer mehr junge Männer in den Krieg zogen. Etwa 3000 Tunesier sollen nach unabhängigen Schätzungen derzeit in Syrien und im Irak kämpfen, die meisten von ihnen für die Terrormiliz Islamischer Staat. Intern nennen die Behörden noch höhere Zahlen, von 4000 bis 5000 ist die Rede. Mehr als 9000 Tunesier haben sie nach eigenen Angaben aufgehalten. Hunderte sind schon ums Leben gekommen - und etwa 500 sollen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sein.

Sympathien für die Kopfabschneider des IS

Tunesier stellen vermutlich die größte Gruppe ausländischer Kämpfer in Syrien und im Irak, wobei nicht klar ist, ob die Zahlen aus Libyen und anderen Ländern stimmen. "Es gibt in Tunesien kaum eine Familie, die nicht irgendwie davon betroffen ist", sagt Ben Rejeb. Er hat eine Vereinigung gegründet, die diese Familien unterstützt, die versucht, deren Söhne zur Rückkehr zu bewegen, die ankämpft gegen mögliche Ursachen für den Exodus in den Krieg.

Seit der Revolution vor mehr als dreieinhalb Jahren können die Menschen in Tunesien ihre Meinung weitgehend ungehindert kundtun. Viele sind dennoch frustriert, haben das Gefühl, dass sich nichts geändert hat, dass es ihnen wirtschaftlich sogar eher schlechter geht als unter dem gestürzten Diktator Zine el-Abidine Ben Ali. Es ist nicht schwierig, auf den Straßen von Tunis Jugendliche zu finden, die Sympathie für die Kopfabschneider des Islamischen Staates äußern - sei es aus Überzeugung oder um gezielt zu provozieren.

Doch warnt Ben Rejeb vor dem Schluss, dass vor allem sozial benachteiligte junge Männer in den Krieg ziehen, die keine Arbeit finden. "Sie kommen aus allen Schichten, viele von ihnen sind gut ausgebildet", sagt er - und er kennt zahlreiche Fälle. Sein Bruder sei religiös gewesen, aber nicht extremistisch, behauptet er, auch wenn Hamza sich nach der Rückkehr, zehn Tage nach seinem Verschwinden, im Fernsehen als überzeugten Islamisten darstellte.

Lieber noch einmal nachsehen: Ein Wachmann überprüft den Eingang zu einem Pressezentrum in Tunis am Wahlsonntag.

(Foto: imago/Xinhua)