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Tunesien:Tunis im Ausnahmezustand

In der tunesischen Hauptstadt hat die Armee die Kontrolle übernommen und offenbar den Präsidentenpalast angegriffen. Der Chef der Präsidenten-Leibgarde wurde auf der Flucht verhaftet.

In Tunesien eskalierte die Gewalt am Sonntagabend erneut. Die Armee griff offenbar den Palast des geflüchteten Präsidenten an, in dem sich Mitglieder der Leibgarde verschanzt hatten. In Tunis werden die Lebensmittel knapp; das Militär sicherte mit Panzern und Posten die Straßen. An der Küste haben die meisten Hotels geschlossen. Tausende Touristen wurden ausgeflogen.

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Krawall in Tunis: Polizeikräfte nehmen einen Demonstranten fest.

(Foto: dpa)

Am Sonntagnachmittag gab es im Stadtzentrum von Tunis und am Präsidentenpalast, der am Stadtrand liegt, Gefechte zwischen Anhängern des am Freitag geflohenen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali und Sicherheitskräften der Übergangsregierung. Militär und Polizei sperrten die zentrale Avenue Habib Bourgiba ab. Panzerwagen fuhren auf, Soldaten hielten Gewehre im Anschlag. Ausländische Journalisten mussten in ihren Hotels bleiben, da "Terroristen" in den Seitenstraßen seien. Immer wieder waren Schüsse zu hören, Rauchsäulen stiegen auf, Hubschrauber kreisten über der Gegend und auch über dem weiträumig abgesperrten Gebiet des Palastes.

Der Befehlshaber der Leibgarde des geflohenen Präsidenten und einige seiner Helfer wurden wegen Verschwörung verhaftet, ebenso Dutzende frühere Agenten Ben Alis. Sie hatten aus fahrenden Autos, sogar aus Krankenwagen geschossen, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Offenbar wurde Sériati ergriffen, als er versuchte, sich über die libysche Grenze zu retten. Im Süden Tunesiens stifteten Ben Alis Sicherheitsleute Beduinen an, Geschäfte zu plündern. Überall im Land wurden Bürgerwehren gebildet, die Ausschreitungen von Anhängern des Ex-Präsidenten verhindern sollen. Sie sind oft nur mit Stöcken bewaffnet. Organisiert werden sie meist von der Einheitsgewerkschaft UGTC, die sich offenbar zunehmend aus der Vormundschaft des Regimes löst.

In Tunis wurde der Bahnhof zerstört; die Tat wird Ben Alis Leuten angelastet. Ein großer Teil der Plünderungen richtet sich jedoch gegen Geschäfte, die der Großfamilie von Ben Alis Frau, Leila Trabelsi, gehören. Leila Trabelsis Neffe Imed starb am Sonntag im Militärkrankenhaus von Tunis an einer Stichwunde, die er auf ungeklärte Weise erlitten hatte, angeblich, als er zum Flughafen wollte. Mehrere Tote soll es bei einem Gefängnisaufstand gegeben haben.

Am Samstag setzte der Verfassungsrat den Parlamentsvorsitzenden Fouad Mebazaa provisorisch als Staatsoberhaupt ein. Er löste Premierminister Mohamed Ghannouchi ab, der am Freitag Ben Alis Flucht verkündet hatte. Mebazaa kündigte im Staatsfernsehen an, dass er an diesem Montag eine Übergangsregierung präsentieren werde, der auch unabhängige Persönlichkeiten angehören würden. Innerhalb von 60 Tagen solle es Präsidentenwahlen geben. Ghannouchi, der weiter Premier ist, sprach mit Vertretern der Opposition, um eine Koalitionsregierung zu bilden. Nejib Chebbi, Vorsitzender der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei, sagte: "Wir fangen an zu hoffen." Alles hänge davon ab, ob die nächste Regierung wieder von der Staatspartei RCD beherrscht werde: "Dann ist das größte Stück noch nicht geschafft." Erste Emigranten kehrten zurück, unter ihnen die Menschenrechts-Aktivistin Souhayr Belhassen.

Fast alle deutschen Tunesien-Urlauber sind mittlerweile zu Hause. Sondermaschinen mit den letzten 1100 Touristen sollten in der Nacht in Deutschland landen. Am Abend nahmen tunesische Polizisten vier mit Jagdwaffen ausgerüstete Deutsche fest. Ein deutsch-französischer Fotograf wurde schwer verletzt.

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