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Tunesien:Mindestens 200 Verletzte bei Protesten gegen Armut

Proteste in Siliana

In der tunesischen Stadt Siliana verbrennt ein Demonstrant Autoreifen, die Proteste richten sich gegen Armut und hohe Arbeitslosigkeit. 

(Foto: REUTERS)

Sie demonstrieren gegen soziale Missstände, fordern Wirtschaftsprogramme und pochen auf den Rücktritt des Provinz-Gouverneurs. Bei Protesten im Norden Tunesiens sind mindestens 200 Menschen verletzt worden.

Am zweiten Tag der gewaltsamen Proteste in der nordtunesischen Provinzhauptstadt Siliana sind nach Angaben von Ärzten mehr als 200 Menschen verletzt worden.

Den ganzen Tag lang gab es Straßenschlachten zwischen Polizisten und aufgebrachten Demonstranten, die gegen soziale Missstände und Armut protestierten und den Rücktritt des Gouverneurs Ahmed Ezzine forderten. Am Abend zogen sich die Sicherheitskräfte aus der Stadt zurück.

Im Krankenhaus von Siliana wurden eigenen Angaben zufolge 206 Verletzte behandelt. Die meisten von ihnen hätten Verletzungen durch Platzpatronen erlitten sowie Prellungen, Knochenbrüche und Schnittwunden, sagte ein Notarzt der Nachrichtenagentur AFP. Insgesamt 19 Demonstranten wurden an den Augen verletzt, einige von ihnen mussten in eine Augenklinik in der Hauptstadt Tunis gebracht werden.

Unter den Verletzten waren auch ein Korrespondent des Nachrichtensenders France 24, David Thomson, und sein tunesischer Kollege. Thomson zufolge wurden beide durch Schüsse von Polizisten verletzt. Offizielle Angaben zu den Opferzahlen lagen nicht vor.

Bereits am vergangenen Dienstag hatte es in der 120 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tunis gelegenen Stadt Ausschreitungen gegeben. Am Mittwochmorgen versammelten sich tausende Menschen vor dem Sitz des Gouverneurs. Wie bereits am Vortag errichteten sie Straßensperren aus brennenden Autoreifen. Die Stimmung wurde durch Gerüchte über einen getöteten Demonstranten angeheizt.

"Ein Versuch, Menschen zu Gewalt anzustacheln"

Demonstranten warfen Steine auf Beamte, die Polizei setzte Tränengas ein. Außerdem sollen einem AFP-Reporter zufolge gepanzerte Fahrzeuge der Nationalgarde abgestellt worden sein. Am Abend zogen sich die Sicherheitskräfte "vollständig" aus der Stadt zurück, wie die tunesische Nachrichtenagentur TAP meldete.

Die Regierung dementierte in einer Erklärung ein Gerücht, wonach der Gouverneur von Siliana, Ahmed Ezzine, mit Ministerpräsident Hamadi Jebali verwandt sei. Dies sei "ein Versuch, Menschen zu Gewalt anzustacheln".

Die Proteste richten sich unter anderem gegen schlechte Lebensbedingungen in Siliana. Die Demonstranten verlangen neben dem Rücktritt des Gouverneurs die Freilassung von Gefangenen, die seit April 2011 in Haft sind, sowie Wirtschafts- und Sozialhilfe. Das nordafrikanische Land leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit, vor allem unter Jugendlichen. Besonders dramatisch ist die Situation auf dem Land.

Soziale Unruhen hatten den Sturz des langjährigen tunesischen Machthabers Zine el Abidine Ben Ali Anfang 2011 ausgelöst. In der Stadt Sidi Bouzid hatte sich im Dezember 2010 der Straßenhändler Mohammed Bouazizi aus Protest gegen soziale Missstände selbst verbrannt. Die dadurch ausgelösten Proteste breiteten sich rasch im ganzen Land aus und führten schließlich zum Sturz der Regierung. Diese Selbstverbrennung markiert den Beginn des Arabischen Frühlings.