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Türkei:Die Camps in Kilis sind Vorzeige-Camps

Fast drei Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge hat die Türkei nach eigenen Angaben aufgenommen. Ein Zehntel von ihnen lebt in den 25 Camps entlang der türkisch-syrischen Grenze. Die Stadt Kilis hat gleich zwei davon: eines am Grenzübergang Öncüpınar mit Platz für demnächst bis zu 20 000 Flüchtlingen. Und ein noch größeres Camp, 30 Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt. Mitten im Nichts ist vor drei Jahren eine Flüchtlingsstadt mit fast 25 000 Migranten entstanden, umgeben von einer Mauer.

Beide Camps kann man in diesen Tagen als Vorzeige-Lager bezeichnen. Sie riechen nach Putzmitteln und sind aufgeräumter und besser organisiert als manches deutsche Lager. Kein Vergleich zu den griechischen Notunterkünften, denen man oft das Elend von Außen schon ansieht. Sie würden gar nicht funktionieren, wenn nicht internationale Hilfsorganisationen sich so reinhängen würden. In der Türkei ist das anders. Dort betreibt die Katastrophenschutzbehörde Afad die Lager. Der Staat gibt sich nicht die Blöße, Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen.

Büşra Seyhali, eine Geflohene aus Syrien, hat ein Mosaik für Angela Merkel gelegt. Es hieß zunächst, die Kanzlerin werde das Camp besuchen.

(Foto: Mike Szymanski)

Büşra Seyhalis Wohnanschrift lautet D3-Sokak 2-12. Der jüngste Sohn, vier Jahre alt, geht in den Kindergarten. Der ist in einem in Schnellbauweise errichteten zweistöckigen Schulgebäude untergebracht. An den Wänden sind so viele Garfields und Tom & Jerrys gemalt, dass man sich selbst wie im Comic fühlt. "Das sind Kinder des Krieges", sagt Mustafa Çakir, einer von 200 Lehrern allein in diesem Camp. Die Kinder sollen es gut haben.

Büşra Seyhali sagt, ihr fehle nichts. Außer Syrien.

Manche kennen gar nichts anderes. Seitdem es dieses Lager gibt, sind allein hier 2000 Kinder zur Welt gekommen. An drei Tagen die Woche haben Geburtsärzte Sprechstunde. Kleinere Operationen führen die Mediziner in der eigenen Klinik durch. In den höheren Klassen sitzen 50 Schüler zusammen. Unterricht gibt es morgens und nachmittags. In einer eigenen Sprachschule können sich syrische Flüchtlinge auf den Besuch türkischer Universitäten vorbereiten. Auch an Einzelbetreuung für behinderte Kinder haben die Behörden gedacht.

Büşra Seyhali lebt seit dreieinhalb Jahren im Camp. Der Ort, der Anfangs Zuflucht war, strukturiert heute ihren Alltag. Sie und ihr Mann gehen in den Werkstätten arbeiten. Sie gehören zu den Glücklichen, die nicht jeden Morgen den Bus in den Stadt nehmen müssen, wenn sie sich etwas dazuverdienen wollen. Jeder Flüchtling bekommt eine Geldkarte, um im Supermarkt Lebensmittel einkaufen zu können: umgerechnet fast 30 Euro pro Person im Monat. Das reicht für das Nötigste.

Büşra Seyhali sagt, ihr fehle nichts. Fast nichts - außer Syrien. Aber sie kann den Krieg auf der anderen Seite der Grenze hören. Sie muss noch bleiben.