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Türkisch-syrischer Konflikt:Worte, gefährlich wie Waffen

Die Türkei ist auf einem brandgefährlichen Weg: Sie ist dabei, sich in einen Krieg hineinzureden und den syrischen Bürgerkrieg zu internationalisieren. Gegen die Mehrheit ihrer Bevölkerung. Doch das Nato-Mitglied lässt sich nicht in die Karten schauen. Das macht die Gefahr nur noch größer.

Es gibt Worte, die so gefährlich sind wie Waffen. Die Türkei werde handeln, "wie es einem Land mit tausendjähriger Tradition entspricht", so sagte Egemen Bagis, als Minister in Ankara eigentlich zuständig für die Beziehungen zur EU. Wer ein so großes Rad schlägt wie Bagis, der weckt Erwartungen. Erwartungen aber haben es an sich, dass sie erfüllt werden wollen.

Die Türkei ist dabei, sich auf einen höchst gefährlichen Weg zu begeben. Sie ist dabei, sich in einen Krieg hineinzureden. Und mit einem Parlamentsbeschluss, der dem türkischen Militär den Einmarsch auf syrisches Territorium erlaubt, schafft das Nato-Mitglied auch noch die Voraussetzungen für eine brandgefährliche Internationalisierung des Syrien-Konflikts.

Die türkische Syrien-Politik gab zuletzt viele Rätsel auf. Auch mit der jüngsten Entwicklung sind die Motive Ankaras nicht klarer geworden. Die Mehrheit der Türken ist, so sagen es alle Umfragen, strikt gegen einen Krieg mit dem Nachbarland, das so lange ein enger Verbündeter und bevorzugter Handelspartner der Türkei war.

900 Kilometer lang ist die gemeinsame Grenze, mit keinem anderen Nachbarn hat die Türkei mehr Berührung. In den Grenzregionen sind die Menschen über den Trennzaun hinweg miteinander verwandt. Auch in der Stadt Akçakale, in der nun fünf Menschen durch Feuer von der anderen Seite starben, teilt der Grenzgraben Familien. Wer auch immer auf die Stadt gezielt hat, der hat eine besonders verwundbare Stelle der Türkei getroffen.

Türkische Soldaten bewachen die Grenze in der Stadt Akcakale.

(Foto: AFP)

Die Türkei würde bei einem Krieg keinen Applaus ernten

Wenn die türkische Regierung sich auf den syrischen Kriegspfad begibt, dann wird sie selbst von ihren treuesten Anhängern im Volk kaum Applaus ernten. Das macht jedes militärische Vorgehen für die Regierung in Ankara zu einem unkalkulierbaren politischen Risiko.

Der Unmut vieler Türken über eine Eskalation des Konflikts könnte dabei zuerst diejenigen treffen, die bereits Opfer des blutigen syrischen Dramas sind: 120.000 Flüchtlinge aus Syrien, die Zuflucht in der Türkei gefunden haben. Drei Viertel dieser Flüchtlinge leben in Zeltlagern, nah der Grenze, auch in Akçakale.

Von dort kamen wohl auch die Rebellen, die schon am 19. September einen syrischen Grenzposten besetzten. Seitdem wurde von syrischer Seite geschossen, seitdem trafen Granaten türkisches Territorium - nun erstmals mit tödlichem Ausgang. Wenn man zynisch ist, könnte man sagen: Die fünf türkischen Toten sind ein "Kollateralschaden" des syrischen Bürgerkriegs. Ein ausreichender Kriegsgrund sind sie nicht.

Deshalb muss man fragen, wem dient es, wenn die Türkei zur Kriegspartei werden sollte? Der verzweifelt um sein Überleben kämpfende Diktator in Damaskus dürfte kaum so vermessen sein, einen Krieg mit dem hochgerüsteten Nachbarn zu beginnen, zumal er nicht sicher sein kann, wie sich Amerika und die Nato verhalten werden. Assad setzt lieber auf den Dolchstoß. Er unterstützt die militante kurdische PKK - ein Stachel für Ankara.