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Türkeis Rolle bei Militärschlag gegen Syrien:Krieg hätte Folgen für Türkeis Wirtschaft

Einerseits hat sie großes Interesse daran, dass der Schlag gegen das Regime so machtvoll ist, dass er auch mögliche Vergeltungsakte des syrischen Militärs unmöglich macht. Gegen syrische Raketen - noch dazu mit potenziell chemischen Kampfstoffen - sind die türkischen Streitkräfte auch trotz der Patriot-Raketenabwehrsysteme der Nato nicht gut genug gewappnet. Andererseits können die Türken aus diversen Gründen nur auf die Entschlossenheit der Amerikaner, Franzosen und Briten hoffen - denn sie selbst werden nicht tatkräftig am Schlag gegen Syrien mitwirken.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, dass die Türkei eine aktive Rolle in dem drohenden bewaffneten Konflikt übernimmt. 43,5 Prozent der Befragten hätten eine neutrale Haltung bevorzugt. Angesichts der Parlaments- und Präsidentenwahl im kommenden Jahr, in denen Erdoğan mithilfe einer Verfassungsänderung seine Macht zementieren möchte, eine Zahl, die die seit den Gezi-Protesten vorsichtig gewordene AKP noch vorsichtiger werden lässt.

Zumal hätte die Verwicklung in einen Krieg mit dem Nachbarn auch verheerende Folgen für die Wirtschaft des Landes - und würde damit die Erfolgsgeschichte der Partei gefährden. Denn die boomende Wirtschaft ist und bleibt in den Augen vieler das beste Argument für die AKP, die seit 2002 an der Regierung ist und in dieser Zeit eine beispiellose Erfolgsgeschichte zu erzählen hat. Doch historisch ist dieser Tage auch der Tiefstand, den die türkische Lira erreicht hat. Oder die Zinsen für zweijährige Staatsanleihen, die nach den starken Worten von Außenminister Davutoğlu auf den höchsten Wert seit 19 Monaten stiegen.

Weniger messbar, aber für die türkische Befindlichkeit mindestens genauso wichtig sind die nicht abzusehenden Implikationen, die eine Beteiligung am Militäreinsatz für die Kurdenproblematik hätte. Mit der PKK wurde mühsam ein Frieden geschlossen. Doch wie die mit der PKK eng verbundene und im Norden Syriens dominierende kurdische "Partei der Demokratischen Union" (PYD) auf Militäreinsätze der Türken reagieren würde, ist unklar - und birgt das Risiko in sich, eben jenen fragilen Frieden mit der PKK wieder zu gefährden.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Türken den Amerikanern gleichwohl die Militärbasis in Incirlik zur Verfügung stellen. Möglich auch, dass sich ihre Flotte an Manövern im Mittelmeer beteiligt, wenn das die USA wünschen. Doch ansonsten ist die Türkei im nahenden Krieg mit Syrien auf andere angewiesen. Aus der einstigen Politik der "null Probleme", die Erdogans AKP-Regierung mit ihren Nachbarn pflegen wollte, scheint im Fall des Syrien-Konflikts eine Politik der tausend Probleme geworden zu sein.

© Süddeutsche.de//mati
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