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Türkei:Zum Kämpfen verführt

In der Kurdenhochburg Diyarbakır protestieren Mütter dagegen, dass die PKK ihre Söhne entführt haben soll - und machen der Kurdenpartei HDP schwere Vorwürfe. Der türkischen Regierung kommt das sehr gelegen.

Zuerst war da nur die Kurdin Hacire Akar. Sie wolle ihren Sohn Mehmet zurück, sagte sie, die militante PKK habe ihn "entführt". Akar, weißes Kopftuch, bunter Rock, setzte sich auf die Stufen der Parteizentrale der legalen Kurdenpartei HDP in Diyarbakır, und versprach, nicht eher zu weichen, bis ihr Sohn zurück sei. Drei Tage später, in der letzten Augustwoche, tauchte der 21 Jahre alte Kurde wieder auf. Man habe ihn "zwangsverheiraten" wollen, deshalb sei er von zu Hause abgehauen, zitierte ihn eine kurdische Agentur. Ungeachtet dessen hat sich der Eingang der HDP-Zentrale in der kurdischen Stadt zu einer Protestplattform entwickelt.

Am Mittwoch waren es fast 20 Mütter und Väter, die dort verlangten, die PKK, die in der Türkei wie in der EU als Terrororganisation gilt, solle ihre Söhne "zurückgeben". Sie werfen der HDP vor, diese habe geholfen, ihre Kinder "zu radikalisieren", sie "ermutigt", sich der PKK anzuschließen. Für die türkische Regierung kommt dieser Mütterprotest wie gerufen, alle staatsnahen Sender berichten täglich. Denn Innenminister Süleyman Soylu hatte erst jüngst die neu gewählten HDP-Bürgermeister von Diyarbakır, Mardin und Van, abgesetzt - ohne Gerichtsurteil, wegen angeblicher Terrorunterstützung. Nun laufen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen. Das Islamistenblatt Yeni Akit versucht schon ein Verbot der HDP herbeizuschreiben. Die HDP hatte bei der jüngsten Kommunalwahl in mehreren Großstädten der säkularen Opposition zu spektakulären Siegen mitverholfen, auch in Istanbul und Ankara, wo zuvor 25 Jahre konservative Bürgermeister amtierten. Im Wahlkampf hatte Präsident Recep Tayyip Erdoğan der gesamten Opposition bereits "Terrornähe" vorgeworfen, weil sie sich - ohne formelles Bündnis - von der HDP helfen ließ.

Die HDP verhalf der säkularen Opposition in mehreren Städten zu spektakulären Siegen

In Diyarbakır schützt die Polizei jetzt den Zugang zum HDP-Gebäude. Die Parteispitze erklärte, die protestierenden Mütter folgten "Anweisungen" Erdoğans und Soylus. Sie sollten ihren Protest statt vor der HDP im Parlament vortragen. Der frühere Abgeordnete der Kurdenpartei und Ehrenvorsitzende der Menschenrechtsorganisation IHD, Akın Birdal, sagte, Menschenrechtsorganisationen seien die richtige Adresse für den Protest.

Das Verhältnis zwischen der HDP und der PKK war selten einfach. Die HDP spricht sich gegen Gewalt aus, bis heute haben sich einige ihrer Mitglieder aber nie vollständig von der PKK distanziert. Es gibt Bilder kurdischer Abgeordneter, die sich mit PKK-Kämpfern ablichten ließen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der derzeit inhaftierte frühere HDP-Chef Selahattin Demirtaş 2016: "Wir akzeptieren ihre Gewalt nicht. Wir sind auch absolut nicht der politische Arm der PKK." Demirtaş nannte die PKK "eine Gewaltorganisation", die als Reaktion auf die Gewalt des Staates entstanden sei. In 40 Jahren sind dem Kampf zwischen PKK und türkischem Staat rund 40 000 Menschen zum Opfer gefallen. Der letzte Friedensversuch endete 2015. Auch der Syrienkrieg hat die Gräben vertieft. Die syrische Kurdenmiliz YPG kontrolliert an die Türkei angrenzende Gebiete. Die YPG gibt trotz ideologischer und personeller Nähe zur PKK an, politisch unabhängig zu sein, was ihr die Regierung in Ankara aber nicht glaubt. Auch gegen die YPG gibt es Vorwürfe, sie habe Jugendliche rekrutiert. Zuletzt war dies im Juli in einem UN-Bericht zu lesen. Davor hatte auch Human Rights Watch diesen Vorwurf erhoben. In Diyarbakır sagte Ayşegül Biçer, eine der protestierenden Mütter, türkischen Journalisten, ihr 18-jähriger Sohn Mustafa habe im vergangenen November das Haus verlassen. Zwei Tage später habe er angerufen, da sei er bereits bei der YPG gewesen. Seitdem habe sie nichts mehr von ihm gehört. "Warum nimmt mein Sohn eine Waffe in die Hand, wenn er auch einen Stift halten könnte?", fragte Biçer.

"Warum nimmt mein Sohn eine Waffe in die Hand, wenn er einen Stift halten könnte?", fragt Biçer

Auch vor der Aktion in Diyarbakır gab es immer wieder einzelne Proteste. Mütter forderten ihre Söhne auf, sich den Sicherheitsbehörden zu ergeben. Aytekin Yılmaz, ein früherer PKK-Mann, der Bücher über die Organisation schrieb, sagte dem türkischen Programm der Deutschen Welle, einige junge Kurden schlössen sich freiwillig der PKK an, andere allerdings "unter Zwang". Früher seien Eltern, die sich darüber bei der Polizei beklagten, dort selbst wie Terroristen behandelt und festgenommen worden.

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