bedeckt München 17°

Türkei:Die Regierung will freie Hand bei der Jagd auf ihre Gegner

Der Erdoğan-Partei AKP dürfte das nur recht sein. Die Regierung will jetzt freie Hand bei der Jagd auf ihre Gegner. Als Drahtzieher für den Putsch, bei dem in der Nacht zu Samstag fast 300 Menschen umkamen, hat sie Fethullah Gülen ausgemacht. Der islamische Prediger und seine gleichnamige Bewegung begleiteten Erdoğan bis ganz nach oben an die Macht. Die Gülen-Bewegung, das war die bildungsbürgerliche Strömung im islamischen AKP-Lager. Leute, die darauf hingearbeitet hatten, einmal wichtige Posten im Staatsapparat zu besetzen. Der wurde seit Atatürks Zeiten von einer säkularen Elite beherrscht.

Ohne Gülens Leute wäre es Erdoğan niemals gelungen, diesen Machtblock aus Justiz, Sicherheitsapparat und Militär von innen heraus aufzubrechen. Selbst Jahre nachdem die AKP 2002 an die Macht gekommen war, arbeitete er noch gegen Erdoğan. Als Gülen und Erdoğan das Militär mehr oder weniger niedergerungen hatten, zeigten sich häufiger Risse in dem Bündnis der beiden Machtmenschen. Erdoğan sah Gefahr in Gülens Netzwerk. Seine Regierung fing 2012 an, dessen Einfluss zurückzudrängen, und entließ die ersten Gülenisten aus seinem Machtzirkel. Als 2013 Staatsanwälte gegen Vertraute Erdoğans Korruptionsermittlungen einleiteten, vermutete der damalige Regierungschef Gülen dahinter. Aus Weggefährten wurden Feinde.

Fast 2000 mutmaßliche Gülen-Anhänger soll die Regierung bis Januar dieses Jahres verhaftet haben, darunter 750 Polizisten. Der Bewegung nahestehende Unternehmen wurden unter Zwangskontrolle gestellt. Gülens Netzwerk erschien geschwächt. Dann aber kam der 15. Juli.

Einer der mutmaßlichen Putschisten, Levent Türkkan, hat sich bis zum Adjutanten des Generalstabschefs hochgedient. Vor Gericht räumte er auch regierungskritischen Medien zufolge ein, mithilfe von Gülens Netzwerk zum Militär gekommen zu sein und für die Organisation zu arbeiten. Seiner Aussage zufolge hörte die Organisation sogar Gespräche im Generalstab mit Hilfe von Wanzen ab. Türkkan gab seine Erkenntnisse an einen "Bruder" weiter. Das war sein Verbindungsmann nach außen. Mehr als 100 von etwa 360 Generälen stehen unter Putschverdacht. Sollte sich das tatsächlich als wahr erweisen, war eine gewaltige Verschwörung im Gang.

Nach Putschversuch in der Türkei

Fast 16 000 Festnahmen, Zehntausende Entlassungen, Foltervorwürfe

Die "Säuberungen" des türkischen Präsidenten Erdoğan nehmen kein Ende. Fast 70 000 Menschen wurden inzwischen entlassen oder festgenommen.   Von Deniz Aykanat und Markus C. Schulte von Drach