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Türkei:Verdrängung

Turkey s President Recep Tayyip Erdogan announced the decision after a court annulled the site s museum status. Built 1

Die Hagia Sophia in Istanbul.

(Foto: imago images/Seskim Photo)

Die Hagia Sophia wird wieder Moschee. Der Triumphalismus der türkischen Regierung gefährdet das Zusammenleben der Religionen.

Kommentar von Matthias Drobinski

Die Hagia Sophia soll wieder als Moschee genutzt werden - nachdem sie mehr als 900 Jahre Hauptkirche der Ost-Christenheit war, fast 500 Jahre islamische Gebetsstätte und 86 Jahre säkulares Museum. Das ist eine schlechte Nachricht für alle, die an einem einigermaßen guten Zusammenleben der Religionen interessiert sind. Nicht, weil nun in einem der bedeutendsten Bauwerke dieser Welt wieder gebetet werden darf. Die Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts der Türkei ist deshalb so verstörend, weil sie ein Religionsverständnis demonstriert und fördert, das so aggressiv wie triumphalistisch ist.

Es sagt: Platz da, wir sind da. Was heißt hier Weltkulturerbe? Uns Muslimen gehört das gute Stück, für die anderen, die orthodoxen Christen, gibt es nichts zu erben. Es gibt keinen Mangel an Moscheen in Istanbul, der den Bedarf nach einem weiteren Gebetshaus in der Metropole nahelegen könnte - gleich um die Ecke liegt die Blaue Moschee, ein atemraubend prächtiges Beispiel osmanischer Baukunst zur Ehre Allahs. Es ist der Wunsch nach Verdrängung der anderen, der breitbeinigen Aneignung eines Ortes, dem man in demütiger Ehrfurcht betreten sollte, erst recht, wenn man sich für gottesfürchtig hält.

Präsident Erdoğan hat gleich nach dem Urteil die Hagia Sophia der Religionsbehörde übergeben. So trampelt er auf dem Geist herum, dem dieser Ort einst geweiht wurde. Die Gräben zwischen Christen und Muslimen wird das vertiefen - zur Freude der Fundis beider Seiten.

© SZ vom 11.07.2020

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